Kultur

Mit dem Denken kommt man nicht mehr hinterher

„Mir ist alles viel zu laut und alles viel zu leise“ im Theaterdiscounter

René Pollesch macht sich nach dem Intendantenwechsel an der Volksbühne nun erst mal rar. Dafür ist Malte Schlösser wieder da. Seit einigen Jahren baut der Regisseur im kleinen Theaterdiscounter in der Klosterstraße an seinem Diskurstheater-Paralleluniversum jenseits der Volksbühne. Die Ähnlichkeiten sind unübersehbar. Das fängt schon bei den verschwurbelten Titeln dieser Abende an: „Mir ist alles viel zu laut und alles viel zu leise“ heißt der neueste Titel. Es gab auch schon „Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen?“ und „Bitte bleib konkret, wie das geht, weiß ich auch nicht so genau“.

Malte Schlösser war mal Assistent bei Frank Castorf und bei Christoph Schlingensief, inzwischen ist er Texter und Regisseur und betreibt zudem eine Praxis für Psycho- und Paartherapie. Er kennt sich also aus mit den unterschiedlichen Bewusstseinsebenen, dem Innen, dem Außen und wie das ist, wenn das alles nicht zusammenpassen will. Es geht an diesem Abend darum, dass im Leben eben nicht immer alles nachvollziehbar ist, schon gar nicht die eigene Biografie. Der Abend ist randvoll mit Reflexionen und Projektionen. Auf der fast leeren Bühne steht etwa eine riesige Leinwand, die den Zuschauerraum spiegelt, in dem wir sitzen. Nur ohne Zuschauer. Muss man aushalten, diese Ambivalenzen. Zweifel und Unentschiedenheit haben in Malte Schlösser entschieden einen Fan. Lösungen hat er schon von Berufs wegen nicht. Schlösser beballert uns mit Sätzen und Thesen in einem Tempo, dass man mit dem Denken gar nicht hinterherkommt. Totale verbale Überforderung.

Der Clou des Abends ist die Besetzung. Ganz oben auf der Besetzungsliste stehen mit Judith Rosmair und Lars Rudolph zwei prominente Namen, aber das ist eher eine Mogelpackung, die sind gar nicht live auf der Bühne, tauchen nur in zwei eingespielten Filmsequenzen auf.

Die echten Stars sind neben zwei Tänzerinnen drei Kinder. Manuel Garelli, Isabelle Laura Pana und Polly Schwalm-Unbehaun erklimmen Malte Schlössers Textmassiv mit ironisch-abgeklärter Sachlichkeit. Und das ist schon wirklich sehr komisch, wenn ein 12-Jähriger allen Ernstes fragt: „Hat noch irgendjemand Lust, mit mir ’ne postdramatische Ironiekritik zu teilen?“

Zur Erholung spielt Christoph Mäcki Hamann zwischendurch elektroakustische Musik ein. Bisweilen hat der Abend eine leichte Tendenz zu diskurstheoretischer Geschwätzigkeit und man wünschte ihm dann etwas mehr szenischen Halt, aber anregend ist er allemal.

Theaterdiscounter, Klosterstr. 44,
Tel.: 28 09 30 62. Noch bis 10. September,
20 Uhr, und wieder vom 26. bis 28. Januar.

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