Konzert in Berlin

Dirty old Man - Jubel für Westernhagen in der Waldbühne

Marius Müller-Westernhagen liefert in der Waldbühne einen bluesgetränkten Ritt durch 40 Jahre Karriere. Das Publikum tanzt und jubelt.

Marius Müller-Westernhagen in der Waldbühne

Marius Müller-Westernhagen in der Waldbühne

Foto: DAVIDS/Boillot / DAVIDS

Am Ende kommt doch, was über zweieinhalb Stunden immer wieder gefordert wurde. Und das klang wie auf einer Demo, diese immer wieder aufbrechenden Sprechchöre: "Freiheit, Freiheit". Zehn Jahre hat Westernhagen den Song nicht gespielt, zu sehr schien er ihm verbunden mit der Wende, die er ungeplant begleitete, zusammen mit seinem schmuddeligen Zwillingsbruder, "Wind of Change" der Scorpions. Doch die Gegenwart ist düster, und drastische Situationen erfordern drastische Maßnahmen. Westernhagen holt tief Luft als er zur letzten Zugabe auf die Bühne kommt. Das sieht – vergrößert durch die unvermeidlichen Videoleinwände – nach echter Rührung aus. Und ist es nicht wieder einmal an der Zeit, da zu stehen, beide Fäuste zu heben und festzustellen: "Freiheit, Freiheit / Ist das einzige, was zählt"?

Den Rest der Show sitzt Marius Müller-Westernhagen weitgehend auf einem Stuhl. Weniger weil er – immerhin schon 68 – in die Jahre gekommen wäre. Okay, das ist er auch. Sein hageres Gesicht sieht mittlerweile, wenn er mit geschlossenen Augen, voll Inbrunst singt, aus wie das eines Asketen auf mittelalterlichen Fresken. Oder wie ein sehr alter Engel von Ernst Barlach. Der prinzipiell eher unengelhafte Vorzeigerocker aber hat zuletzt in der alten Volksbühne eine "MTV unplugged"-Platte aufgenommen. Und versucht jetzt, vor knapp 20.000 Menschen so was wie Wohnzimmeratmosphäre zu produzieren. Da gehört Sitzen dazu, auch wenn es Westernhagen mit fortschreitendem Konzert sichtbar schwerfällt.

Ritt durch fast 40 Jahre Songgeschichte

Denn was er mit seiner elfköpfigen Band an diesem vielleicht letzten warmen Sommerabend in Berlin zelebriert ist kein Kuschelprogramm, sondern ein bluesgetränkter Ritt durch fast 40 Jahre Songgeschichte. Nachdem die ehemals berühmte MTV-Reihe in den letzten Jahren ziemlich auf den Hund gekommen ist und auch Leute damit geehrt wurden, die gerade einmal zwei Studioalben auf dem Buckeln haben, konnte Westernhagen aus dem Vollen schöpfen. Und so gibt es auch in der Waldbühne ein auf Folk- und Bluesbesetzung reduziertes Best of – vom allerersten Album "Das erste Mal" (1975) bis zu "Alphatier" (2014). Schon nach wenigen Minuten nimmt das Publikum die Erlaubnis des Chefs, von seinen Plastikbänken aufzustehen und zu tanzen, dankend an.

Neben rotzigen Gute-Laune-Stücken, die oft nicht allzu weit am Schlager vorbeischrammen, tut es vor allem Westernhagens Pathosballaden gut, ein bisschen zurückhaltender gespielt zu werden. Da gibt es schon mal zornige, erschütterte Kommentare zu Trump und Erdogan zu hören, und dann die Hymnen-Neuauflage "Liebe (um der Freiheit willen)" von 2014, in der der gute Wille jedoch leider die Textqualität klar überwiegt: "Und die Despoten, die geblendet / Von Macht, Selbstherrlichkeit und Geld / Sie sollen spüren, dass es nicht lohnt / nur zu denken an sich selbst." Äh, ja. Stimmt schon. Holpert aber ziemlich.

Dann doch lieber den Wie-ich-Rockstar-wurde-Song "Mit 18", den Westernhagen, nicht gerade bescheiden, schon 1978 in der Rückschau auf eine wilde, irgendwie ehrliche Jugend schrieb: "Ich möcht zurück auf die Straße / möcht wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut / Denn Gold find man bekanntlich im Dreck / Und Straßen sind aus Dreck gebaut." Da steht er dann doch auf, legt ein jaulendes Mundharmonika-Solo hin, dünn und gekrümmt wie ein Geist, eben den braunen Fluten des Mississippi entstiegen. Ein Lied über Herkunft und Sinn des Rock'n'Roll, nah an der eigenen Geschichte und doch allgemeingültig. Es wird zu recht gefeiert.

Bei "Sexy" reißt es Westernhagen vom Hocker

Auch bei "Sexy" hält es Westernhagen nicht auf seinem Stuhl. Der alte Mann aber, den der Song schon 1989 beklagte, weil er von einem vermutlich jungen Ding um den Verstand verführt wurde, ist mittlerweile ganz klar der Sänger selbst: ein Dirty Old Man mit Ohrring und Falten. Das steht ihm nicht schlecht, dem ewig nur leicht kantigen Beau, der trotz aller Anstrengung lange Zeit doch immer etwas Schwiegersohnhaftes mit sich herumschleppte. "Ich bin gefangen zwischen deinen langen Beinen / es ist mir scheißegal, mach' ich mich lächerlich". Gut so.

Vielleicht ist es gerade diese Mischung, die Westernhagen berufsjugendlich-weise Autorität ausmacht – die Leute tanzen und mitsingen und zuhören lässt, nicht selten zugleich. Der große, sehr muskelbepackte Männer mittleren Alters Fremden zulächeln lässt und sagen: "Ich mag ihn halt sehr" – und verzückt wie ein Kind die Hände über dem Kopf zusammen klatschen. Beim vielen Aufspringen und Wiederhinsetzen – je nach dem, ob Westernhagen das große Liebespathos rausholt oder den heiseren Bluesshouter gibt – wird in dieser Septembernacht auch niemandem kalt. "Warum spielen wir nicht jedes Konzert hier?", fragt Westernhagen. Die Leute wissen es auch nicht. Sie jubeln.

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