Nach diesem Film setzt man sich vielleicht nicht mehr gleich an den Computer. Und lässt die Welt eine Weile nicht so bereitwillig via Facebook, Instagram oder Twitter am eigenen Leben teilhaben. Dann hätte „The Circle“ schon etwas bewirkt. Auch wenn er viel mehr hätte erreichen können. Denn James Ponsoldts Adaption von Dave Eggers’ gleichnamigem Bestsellerroman führt in eine nicht weit entfernte Zukunft, in der wir uns von der modernen Kommunikationstechnologie nur noch ein bisschen mehr bestimmen lassen.
Der Zuschauer sitzt anfangs mit Mae (Emma Watson) in einem traurigen Großraumbüro bei einem traurigen Job. Klar, dass die junge Frau von etwas anderem träumt, das tut man schon nach wenigen Sekunden Zuschauen auch. Aber für Mae ergibt sich dann wirklich eine Chance, die nur den Wenigen vergönnt wäre. Sie erhält eine Offerte von „The Circle“, dem angesagtesten Unternehmen der Welt.
Schöne, neue Welt: Huxley im digitalen Zeitalter
Mit traumhaften Arbeitsbedingungen: ein großzügiges, weitläufiges Areal, lichtdurchflutete Bürobungalows, Sport- und Freizeitmöglichkeiten aller Art, überall junge, offenherzige, zugewandte Mitarbeiter. Und der Big-Data-Konzern bündelt alles, was wir heute von Facebook, Apple und Google kennen, all die coolen Internet-Dinge, mit denen wir uns eh schon die ganze Zeit beschäftigen. Schöne neue Welt – Huxley im digitalen Zeitalter.
Der Zuschauer erkennt allerdings deutlich früher als die junge Mae, welche Schattenseiten dieser Mediakoloss wirft. Da ist er, der gläserne Angestellte in Reinform. Und Maes Boss Bailey, von Tom Hanks messianisch und doch cool lässig à la Steve Jobs gespielt, reicht es nicht, dass er eine einheitliche Online-Identität entwickelt hat, bei der man mit einem einzigen Passwort zahlt, kommuniziert und denkt. Nein, er lässt überall auf der Welt Kleinstkameras installieren, um jeden jederzeit filmen zu können. Er propagiert die vollständige Transparenz. Teilen ist heilen, so sein Credo, Geheimnisse sind Lügen.

Wirklich haben wir beim Arabischen Frühling ja kurz geglaubt, die moderne Data-Kommunikation könnte die Machenschaften von Diktaturen nicht nur aufdecken, sondern auch beenden, das Internet sei demnach eine gute, demokratische Errungenschaft. Schon vor dem Erscheinen von Eggers’ Roman von 2013 ist man da aber einigermaßen ernüchtert worden.
Eggers treibt die Realität in seiner Dystopie nun nur noch ein paar Schraubenwindungen weiter. Sein Konzern ist ein aggressiver Hybrid all der derzeitigen großen Technologieunternehmen. Und sein Firmenboss zielt auf die vollständige Kontrolle, bei der jeder Mensch zur Internetpräsenz gezwungen werden soll, auf Kosten jeglicher Privatsphäre. Wollt ihr die totale Transparenz? Das ist es, was der Guru seine Sekte eigentlich fragt. Die nickt bewundernd. Und gibt nur zu bereitwillig all ihre Daten preis.

Mae erhält früh und immer wieder Warnsignale. Sie begegnet dem geheimnisvollen Kalden (John Boyega aus „Star Wars: Das Erwachen der Macht“), der den Circle ursprünglich entwickelt hat, die Konsequenzen so aber nicht wollte. Und Maes Ex-Freund Mercer (Ellar Coltrane), der sich der digitalen Welt komplett verweigert, warnt sie eindringlich, wie sehr der Job sie verändert und ihren Liebesten entzieht. Bei einem nächtlichen Ausbruchsversuch aus der totalen Kontrolle aber verunglückt Mae fast mit einem Kajak, nur dank der Überwachungskameras, die sie auch dabei filmen, kommt rechtzeitig Rettung.
Daraufhin stellt sie sich – teils bereuend, teils bekehrt – sogar als Testperson zur Verfügung, die rund um die Uhr ihr Leben im Internet teilt. „Die Truman Show“ meets „Big Brother“. Und es braucht noch ein paar, von ihr mitverursachte Schicksalsschläge, bis sie endlich umdenkt. Wobei sie die galoppierende Datafizierung nicht etwa bekämpft, sondern zu eisiger Konsequenz führt.

Der Film besticht durch eine doppelbödige Besetzung. Tom Hanks, sonst immer der Good Guy, ist in seiner zweiten Eggers-Adaption nach „Ein Hologramm für den König“ in einer seiner wenigen diabolischen Rollen zu erleben: ein Spiel mit dem Image des Stars. Ellar Coltrane ist für das geniale Filmprojekt „Boyhood“ selbst über zwölf Jahre immer wieder gefilmt und von der Kamera heimgesucht worden.
Und mit Emma Watson sind dank der „Harry Potter“- Filme Millionen von Kindern erwachsen geworden, sie ist quasi das Gesicht ihrer Generation und verbucht auf Twitter 14 Millionen Follower. Aber sie selbst hat die Parallelen vom Leben im Rampenlicht in Bezug auf soziale Medien erkannt: „Manchmal“, sagte sie in einem Interview, „hat man das Gefühl, es kontrolliert mich und nicht ich kontrolliere es. Es bekommt Macht über mein Leben, auf seltsame Art. Man sollte mehr Abstand zu dem Ganzen gewinnen.“
Das Kino findet keine Bilder für die digitale Konkurrenz
Doch obwohl Regisseur Ponsoldt den Autor Eggers sehr verehrt und das Drehbuch mit ihm entwickelt hat, ist bei seinem Film überraschend nicht die finstere Satire herausgekommen, die man erwartet hätte. Im Bestreben, möglichst viele Aspekte des Romans aufzunehmen, hat Ponsoldt keinen klaren Grundton gefunden. Mit der allzu naiven Hauptfigur mag man sich irgendwann auch nicht mehr identifizieren.
Und dann ist das Ganze, trotz etlicher in den Filmbildern aufploppender Posts, ein erstaunlich analoger Film geworden. Das galt auch schon für den Facebook-Film „Social Network“ und ähnliche Filme zum Thema wie „Disconnect“ oder „#Zeitgeist“: Obwohl das Kino sonst ein Meistermedium darin ist, Unsichtbares sichtbar zu machen, scheitert es nach wie vor daran, andere visuelle Medien in adäquate Bilder zu transponieren – und die unliebsame Konkurrenz vorzuführen. So seltsam es klingt: Aber da regt so ein dicker Schmöker, den man altmodisch-analog nachts im Bett liest, die Fantasie immer noch weit stärker an.


