Ab und zu zerfetzen Klopfen und Klackern die Stille. Mal hallt Lachen durch eine halb geöffnete Tür und verebbt auf dem staubigen Fußboden, mal echoen Schritte durch das leere Foyer. Aber eigentlich, und das ist das Besondere an diesem Ort, der sonst von Musik und Applaus erfüllt ist, eigentlich ist es still. Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt ist in seiner Spielzeitpause. Aber nur auf den ersten Blick döst das Haus auf dem Gendarmenmarkt in der Sommerwärme vor sich hin. Eigentlich wird hier gearbeitet – und zwar auf Hochtouren. Denn die Pause ist die einzige Zeit im Jahr, die nutzbar ist für Bauarbeiten und Renovierungen, damit der Spielbetrieb aufrechterhalten bleibt.

Letzten Sommer zum Beispiel ist in den freien Wochen das Dirigentenpult neu installiert und die Beleuchtung auf LED-Lichter umgestellt worden. Und Stahlsekuranten wurden auf dem Dach befestigt, sodass sich nun absichern kann, wer das Dach beklettert und beispielsweise Feuerwerkskörper fürs Classic Open Air anbringt. Erst vor drei Jahren wurde in dieser Zeit die Bühne komplett umgebaut, auch die Stühle wurden neu gepolstert und das Samt der Geländer frisch bezogen. Jeden Sommer fällt etwas anderes an, nie ist alles auf dem neuesten Stand.

„Das Konzerthaus ist eines der Berliner Häuser, die man am meisten ausbessern musste in der vergangenen Zeit“, sagt Christian Breitkreutz vom Berliner Immobilienmanagement (BIM), die auch für die Sanierungen der Berliner Kulturbauten zuständig ist.

In diesem Sommer werden zwei Fahrstühle eingebaut

„Das ist ja auch nicht irgendein Haus“, sagt Knuth Schulze, der Leiter der Haustechnik. Und meint: Es ist nicht irgendein Haus – für ihn. Seit 1984 arbeitet er im, am und manchmal auch auf dem Konzerthaus. Wenn er durch die Räume marschiert, trepp auf, trepp ab durch die Korridore läuft, über Stuhllehnen und Treppengeländer streicht und über seine Brille hinweg schaut, die ihm auf die Nasenspitze rutscht, dann sieht man: Dieses Haus, das ist seins. Er kennt alles. Jeden Stein, jede Stufe, jedes Stuckornament, dessen Goldpatina langsam verblasst. Schulze hat alles im Blick, auch die Arbeiten, die hier andauernd anfallen. So wie jetzt, wo im Foyer zwei behindertengerechte Fahrstühle eingebaut werden – da kommt das gelegentliche Klopfen her –, damit man mit dem Rollstuhl nicht mehr über den Bühneneingang muss.

Um solche Arbeiten zu stemmen, hat die BIM für alle Berliner Kulturstätten jedes Jahr 20 Millionen Euro zur Verfügung. Würden allerdings alle Sanierungsarbeiten erledigt in allen Bauten, beliefen sich die Kosten auf 435 Millionen. Dass Berlin unter einem so massiven Sanierungsstau leidet, das ist nicht neu, aber die horrende Zahl hat dennoch erschreckt. Die ging Ende Juli aus einer Antwort des Senats auf die parlamentarische Anfrage des Abgeordneten Daniel Wesener (Bündnis 90/Die Grünen) hervor. Der hatte wissen wollen, welches Haus wie renoviert werden müsste, um den Spielbetrieb auf Dauer zu gewährleisten – und wie viel das die BIM, eine Tochterfirma des Landes, kosten würde. Ziemlich viel, zeigt das Ergebnis. Zu viel. Die finanziellen Mittel reichen lange nicht aus, um alle maroden Kulturbauten zu sanieren. Das lässt sich ja bereits am Konzerthaus beobachten. Denn allein die Sanierung dieses Hauses verschlingt mehrere Zehntausende jedes Jahr. So wie dieses.

Die beiden neuen Fahrstühle kosten 700.000 Euro. Dazu kommen die Sanierung der Orgel und kleine Ausbesserungen am Fußboden. Auch die Garderoben werden renoviert und die Fassaden kontrolliert, lockerere Steine wieder angebracht. Und dann der Keller, der wegen des hohen Grundwassers feucht ist und Stück für Stück trockengelegt werden muss. Und die Fenster, die ersetzt werden müssen. Und die Entlüftungsanlage, die erneuert werden muss. All das kostet. Dass dieses Haus bereits einen großen Teil des Geldes benötigt, das jedes Jahr für alle Bauten zur Verfügung steht, das ist jedem klar, der diese Liste sieht.

Das ist auch Knuth Schulze klar. Und auch Breitkreutz von der BIM. Auch wenn hier viel getan werden muss, so wie an vielen Berliner Bauten, der Spielbetrieb ist nicht Gefahr, sind sich beide einig. Es sei ja auch die oberste Priorität, dass der immer gesichert ist. „Ich bin ja auch kein Hausmeister, sondern Fachkraft“, sagt Schulze und guckt auf sein Haus, liebevoll. Im Notfall lege er auch mal Hand an, wenn Not am Mann sei. Aber trotzdem, die Liste der Sanierungen ist lang. Mit mehr Geld ließe sich das planen.

Der Senat will mehr Geld für die Sanierung einplanen

Aber das muss eben auch noch für die anderen Kandidaten reichen, Volksbühne, Friedrichstadt-Palast, Schaubühne oder Komische Oper. Allein die Sanierung der Komischen Oper ist mit 50 Millionen Euro veranschlagt. Mit dem aktuellen Budget ist das nicht ohne Querfinanzierung zu stemmen. Deswegen stehen im aktuellen Haushaltsentwurf des Senats statt der bisherigen 20 Millionen nun 50.

Reichen, das ist klar, wird auch diese Summe nicht für alle Modernisierungen. Bis zu den veranschlagten 435 Millionen Euro ist reichlich Luft. Im Konzerthaus wird erst mal gearbeitet. Muss ja weitergehen, gegen den Verfall anarbeiten. Die kleinen Stuckornamente an der Decke, die müssten auch mal wieder nachgemalt werden, findet Schulze. Vielleicht nächsten Sommer, wenn wieder Ruhe eingekehrt ist im Haus auf dem Gendarmenmarkt. Und, klar, wenn wieder Geld da ist.