Film

Lass es raven, lass es krachen: "Magical Mystery"

Karl Schmidt war eine Nebenfigur in „Herr Lehmann“. Die neue Sven-Regner-Verfilmung zeigt, wie es mit ihm weitergeht. Ziemlich schräg.

Die verrückte Truppe der „Bumm Bumm Records“ um Produzent Ferdi (Detlev Buck, M.)

Die verrückte Truppe der „Bumm Bumm Records“ um Produzent Ferdi (Detlev Buck, M.)

Foto: Gordon Timpen / dpa

Von Karl Schmidt ist uns noch die Weisheit in Erinnerung, man solle beim Saufen immer schön auf die Elektrolyte achten. In "Herr Lehmann", Sven Regeners Bestseller von 2001, war er eine Randfigur der Kreuzberger Rumhänger-Szene kurz vor der Maueröffnung. Ein schweigsamer Künstler, der an Metallskulpturen rumschweißte, den Freunden wegen der Elektrolyte Chips auf den Tresen stellte und irgendwann einen psychischen Zusammenbruch erlitt. In Leander Haußmanns Verfilmung von 2003 spielte ihn Detlev Buck.

"Magical Mystery", Regeners Folgeroman aus dem Jahr 2013, spielt fünf Jahre später. Karl Schmidt, den alle nur Charlie nennen, hat Berlin verlassen und lebt zusammen mit anderen Ex-Suchtkranken in einer WG in Hamburg-Altona. In Arne Feldhusens Adaption hat nun Charly Hübner Schmidts Rolle übernommen, während Detlev Buck den Berliner Musikproduzenten Ferdi spielt. Die beiden kennen sich von früher und werden sich bald über den Weg laufen.

Denn es ist zwar so, dass Charlie in einem insgesamt stabilen Leben angekommen ist, in dem Alkohol keine Rolle mehr spielt. Einmal die Woche schaut Sozialarbeiter Werner (Bjarne Mädel) in der WG vorbei und hält mahnende Ansprachen, den Rest der Zeit verbringt Charlie als Hilfshausmeister mit dem Reinigen von Toiletten. Aber irgendwann ändert sich ja immer was im Leben: Charlie bekommt einen neuen Vorgesetzten und erfährt, dass er sofort vier Wochen Resturlaub nehmen muss. Werner will ihn zum Wassertreten nach Uelzen schicken, aber Charlie fährt lieber nach Berlin.

Dort trifft er seine Freunde von früher wieder, unter anderem eben Ferdi. Alle befinden sich im wilden Techno-Rausch der Neunziger, den sie bei Ferdis Plattenlabel "Bumm Bumm Records" ausleben. Es trifft sich gut, dass Charlie nicht mehr trinkt – da kann er ja den Tourbus fahren, wenn die Truppe auf die geplante "Magical Mystery"-Tour geht, um in diversen Clubs der Republik aufzulegen. Verrückte Dinge werden auf dieser Tour passieren, ein zerlegter Elch, ein totes Meerschweinchen und eine Liebesgeschichte.

Feldhusens Film will vieles sein: eine Komödie, eine authentische Zeitreise in die Glanzzeiten von Rave und Loveparade, ein Roadmovie und ein Zitatenlexikon der 90-er. Aber vieles davon ist er nur in Teilen und nichts davon ganz überzeugend. Das liegt daran, dass er die Balance zwischen Komödie und Klamotte nicht hinkriegt. Die Komödie braucht psychologische Plausibilität, die Klamotte braucht sie nicht.

Wenn der biedere Sozialarbeiter plötzlich wild fuchtelnd und mit Sonnenbrille zu den Ravern konvertiert, wirkt das aufgesetzt und albern, weil es den ernsten Kern dieser Geschichte verrät – und dieser Fehler unterläuft dem Film in seinen zähen 111 Minuten leider immer wieder. Er feiert sich lieber selbst, als den Zuschauer zu fesseln.

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