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Punkte sammeln um jeden Preis: "Jugend ohne Gott"

Alain Gsponer entwirft eine graue Zukunftsvision. Mit einem alten Horváth-Roman. Und zahlreichen Zeitsprüngen. Das klappt nicht ganz.

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Foto: Marc Reimann / dpa

Öde neue Welt. In der gar nicht so fernen Zukunft, in der dieser Film spielt, leben die Privilegierten in schönen, luxuriösen Etablissements in den Innenbezirken von Berlin, die zur "Neustadt" zusammengefasst sind. Die Außenbezirke sind dagegen weitgehend aufgegeben worden, hier herrscht Anarchie und No Future.

Um zum Establishment dazu zu gehören, muss man stromlinienförmig funktionieren. In einem abgelegenen Camp in den Bergen mussen deshalb Jugendliche Punkte sammeln, ob sie für die Elite-Uni taugen, dabei wird gnadenlos kontrolliert, wer funktioniert und sich bewährt. Schwache und Außenseiter werden aussortiert.

Als ein vielversprechender Kandidat im neuen Jahrgang gilt der junge Zach (Jannis Niewöhner). Aber es gibt eine Schwachstelle. Sein Vater hat sich umgebracht, offenbar hat er dem Leistungsdruck der Gesellschaft nicht standgehalten. Auch Zach durchschaut zunehmend die zynischen, einzig auf Effizienz getrimmten Strukturen des Systems und will schon bald kein Teil mehr davon sein. Im Wald trifft er auf illegale Jugendliche um die geheimnisvolle Ewa (Emilia Schüle), die sich einfach nehmen, was sie brauchen, und ihm eine völlig andere Lebensalternative vorleben. Und dann passiert etwas, was das Leben aller Beteiligter – auch das der Ausbilder – aus der Bahn wirft.

"Die Tribute von Panem", "Die Bestimmung", "Maze Runner": Derzeit sind Jugend-Dystopien im Kino schwer angesagt. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, wann der Trend auch das deutsche Kino erreicht. Nun hat der Schweizer Regisseur Alain Gsponer, der sonst Bestseller wie "Lila, Lila", aber auch "Heidi" verfilmt hat, sich daran gemacht. Aber nicht mit einer entsprechenden Vorlage aktueller Jugendbücher. Er greift in "Jugend ohne Gott" auf den gleichnamigen, fast 80 Jahre alten Roman von Ödön von Horváth zurück, in dem dieser die Gleichschaltung und Gleichgültigkeit der Jugend im Nationalsozialismus geißelte.

Gsponer verlegt das historische Ambiente kühn in eine stylishe Zukunft, verfremdet das Ganze aber noch weiter durch Zeitsprünge. Erst wird das Ganze aus der Sicht von Nadesh (Alicia von Rittberg) erzählt, die heimlich in Zach verliebt ist. Nach einer halben Stunde aber springt der Film zurück, erzählt etwas mehr Vorgeschichte und das schon Bekannte dann aus der Perspektive von Zach.

Der bekommt von Nadeshs Schwärmerei gar nichts mit, ist in seiner eigenen Welt gefangen und verliebt sich in Ewa. Noch zwei Mal springt der Film an einer markanten Stelle zurück und erzählt wieder aus anderen Blickwinkeln. Das hat erst mal einen gewissen Reiz: Jeder lebt für sich allein und kriegt von seiner Umwelt nur einen Bruchteil mit.

In jeder der Episoden geht es um Liebe, Vertrauen und Verrat – aber immer um ganz andere. Details, die zunächst wie Anschlussfehler wirken, erklären sich erst später, der Film ist wie ein Scherbenhaufen, aus dem der Zuschauer sich ein Mosaik zusammensetzen muss. Souverän setzt Gsponer das um, mit einem starken Cast, zu dem Nachwuchshoffnungen wie Jannis Niewöhner, Emilia Schüle und Jannik Schümann zählen, aber auch Stars wie Anna Maria Mühe und Fahri Yardim, die er zu einem überzeugenden Ensemble schweißt. Und Kameramann Frank Lamm findet für die aalglatt gelackte Zukunft adäquate Bilder.

Nur hat Gsponer bei all dem vielleicht ein wenig zu viel gewollt. Der Film basiert nur sehr lose auf Horváths Roman und hätte den Verweis eigentlich gar nicht gebraucht. Auch die Zeitsprünge wirken in ihrer Häufung artifiziell, am Ende sogar ein bisschen ermüdend. Und da ahnt man auch schon längst, was doch eine überraschende Schlussauflösung sein soll. "Jugend ohne Gott" wäre mit weniger Regiespielereien vielleicht direkter und überzeugender geworden.

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