Berliner Filmemacherin

Valeska Grisebach braucht den Kontrollverlust

Es ist erst ihr dritter Film in 16 Jahren: Die Berliner Filmemacherin Grisebach über den Reiz von Western und Ehrlichkeit im Kino.

 Sie will für den Moment offen sein, will sich alle Türen offenhalten. Deshalb arbeitet sie auch immer wieder mit Laiendarstellern zusammen: Regisseurin Valeska Grisebach

Sie will für den Moment offen sein, will sich alle Türen offenhalten. Deshalb arbeitet sie auch immer wieder mit Laiendarstellern zusammen: Regisseurin Valeska Grisebach

Foto: Frédéric Dugit / picture alliance / Frédéric Dugi

Nur drei Filme in 16 Jahren, das ist kein großes Œuvre. Schon das Debüt von Valeska Grisebach, "Mein Stern", hat 2001 Preise gewonnen. Mit "Sehnsucht" wurde die Berliner Filmemacherin auf der Berlinale gefeiert – aber das ist auch schon elf Jahre her. Im Mai stellte die 49-Jährige nun in Cannes ihr jüngstes Werk vor, das heute in die Kinos kommt. In "Western" spielen wie in den Vorgänger-Filmen auch, nur Laiendarsteller mit, wie in "Sehnsucht" geht es auch in die Provinz – nur diesmal etwas weiter weg, statt nach Brandenburg ins Bulgarische. Wir haben die Filmemacherin gesprochen.

Frau Grisebach, sind Sie eigentlich ein Western-Fan?

Valeska Grisebach: Ja. Ich bin mit ihnen groß geworden, ich habe die immer im Fernsehen geguckt. Als kleines Mädchen hatten die eine große Anziehungskraft auf mich. Das war eine doppelte Faszination. Einerseits identifizierte ich mich mit diesen männlichen Helden, andererseits habe ich sie angeschwärmt. Die Frauen haben mich nie so interessiert.

Dabei ist der Western ja per se ein sehr männliches Genre.

Deshalb ist man da als Frau auch auf eine bittere Art ausgeschlossen. Natürlich geht es immer um eine Form von Männlichkeit, von Maskulinität, die sehr ambivalent ist. Einsame Helden, die zwar frei bleiben, aber doch auch irgendwo ankommen wollen. Das Genre verhandelt darüber hinaus aber auch hochinteressante Fragen. Wie konstituiert sich eine Gesellschaft? Über Empathie oder über das Gesetz des Stärkeren? Es gab da ganz viele Eingangstüren für mein Projekt.

Ist Ihr Film ein Western oder ein Anti-Western? Hier brechen keine Pioniere in den Westen auf, sondern deutsche Bauarbeiter gehen auf Montage nach Osteuropa.

"Western" war zunächst nur ein Arbeitstitel. Dann habe ich gesagt, es ist mein heimlicher Western. Jetzt steht es schön laut vorne drauf. Aber das war für mich eher ein Tanz mit dem Genre. Die Insignien der Männlichkeit, das Werkzeug, das am Gürtel baumelt, der geschlossene Kosmos unter Männern auf Montage, die gegenseitige Konkurrenz als Duell: Das alles sind Elemente, die einem Western sehr nahe kommen.

Ihr letzter Film ist elf Jahre her. Warum hat das so lange gedauert?

Ja, das werde ich immer wieder gefragt. Aber wie das Leben halt so ist: Ich habe eine Tochter bekommen. Ich habe an der Filmhochschule gelehrt. Und das Leben ist auch sonst ganz schön. Vielleicht bin ich auch eine Trödellise. Dann recherchiere ich immer sehr intensiv für meine Filme. Und gerade für diesen hatte ich eine lange Anschleichphase.

Sie arbeiten in all Ihren Filmen immer mit Laiendarstellern. Was reizt Sie so daran? Ist es die Authentizität? Oder wollen Sie ein dezidiert anderes Kino schaffen?

Nein. Ich verehre Schauspieler. Ich könnte mir auch vorstellen, mal ganz klassisch mit ihnen zu arbeiten. Aber was mich am Kino am meisten interessiert, das ist dieser Moment, den man als Regisseur nicht kontrollieren kann. Das ist meine persönliche Sehnsucht, ich genieße, ja suche den Kontrollverlust. Und gerade bei diesem Film gab es so viele unbekannte Größen: das Land, das ich nicht kenne, die Sprache, die ich nicht verstehe. Das war ein ganz wichtiger Widerstand für die Geschichte, dass Orte und Darsteller etwas mitbringen, das ich nicht erfinden kann. Ich hätte dafür nicht Schauspieler als Bauarbeiter inszenieren können. Da gibt es einfach etwas, was in den Körpern eingeschrieben ist, und diese spezielle Prosa, die auf dem Bau gesprochen wird.

Ihre Bauarbeiter hegen Vorurteile und eine gewisse Fremdenfeindlichkeit, werden aber in Bulgarien mit genau diesem Misstrauen gegen sie selbst konfrontiert. Sie verhandeln damit politisch ganz aktuelle Themen.

Das war quasi der doppelte Rittberger. Das hat sich bei der Arbeit an dem Projekt immer mehr herauskristallisiert. Im Western geht es stets um die Begegnung mit dem Fremden, dem Unbekannten. Auch um die Ambivalenz, dass einen das reizt, das man aber zugleich glaubt, darüber stehen zu müssen. Diese latente Angst vor dem Fremden, das, was unausgesprochen zwischen den Zeilen steht, hat mich sehr beschäftigt. Was einem oft im Alltag begegnet und doch im Widerspruch steht zu der offiziellen Haltung.

"Western" ist der erste Film, den Sie im Ausland gedreht haben. Ging es Ihnen beim Dreh wie Ihren Protagonisten? Wie haben die Einheimischen auf Ihr Filmteam reagiert?

Bestimmte Prozesse waren die gleichen. Wir haben als Filmteam den Ort schon ein bisschen aufgewühlt. Und natürlich sind wir auch in Fettnäpfchen getreten. Grundsätzlich dauert das ganz lange, bis man in den Dörfern dort als Fremder angenommen wird. Wenn in der Ecke überhaupt einmal Fremde auftauchen. Wir sind wohl zehn Mal dahin gereist, aber erst, als wir dann wirklich mit dem Team angekommen waren, fasste man Zutrauen zu uns.

Bulgarien liegt auf der Balkanroute und hat seinen Grenzzaun verlängert, um die Flüchtlingsströme abzuwehren. Hat das die Dreharbeiten tangiert?

Das hat uns richtig überrumpelt während des Drehs. Als wir anfingen, ging das ja erst richtig los mit der Flüchtlingskrise. Da habe ich mir überlegt, was mache ich jetzt hier? Ich habe auch versucht, das einzubauen. Aber das wäre ein Tick zu viel gewesen, das hätte ich vielleicht auch gar nicht bewältigen können. Mir war aber bald klar, das wird irgendwie mitschwingen, das wird schon seinen Eingang finden in diesen Film. Wie gesagt, ich wollte viele Türen offen lassen. Und natürlich hat uns auch das dann begleitet.

Ihr Film wurde in Cannes gefeiert, wie im Jahr zuvor "Toni Erdmann". Dabei hatte man lange ein deutsches Minderwertigkeitsgefühl, dass dieses Festival das hiesige Kino gar nicht mehr wahrnimmt.

Das erstaunt mich eigentlich immer wieder. Ich finde, dass wir sehr viele sehr starke Autoren und Regisseure haben. Und auch sehr vielfältige. Wir brauchen da keinen Minderwertigkeitskomplex zu haben. Die Wahrnehmungen stimmen nicht. Das gilt übrigens auch für das Label Berliner Schule. Im Ausland hat es ein starkes Renommee. Aber hier in Deutschland wurde es erst so gehypt, und jetzt ist es schon fast ein Schimpfwort. Das ist etwas, was mich sehr befremdet.

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