Pop-Musik

Romano ist der König von Köpenick

Nach seinem Überraschungserfolg vor zwei Jahren ist er jetzt wieder da: Rapper Romano über sein zweites Album, die Heimat – und Mutti.

Für ihn ist hier das Paradies: Rapper Romano posiert in Köpenick

Für ihn ist hier das Paradies: Rapper Romano posiert in Köpenick

Foto: Joerg Krauthoefer

Zuerst sind da die blonden Zöpfe. Die schaukeln hin und her, rechts, links, rechts, streifen über seine Schultern, wippen mit im unsichtbaren Takt, der seinen Schritt bestimmt. Sowieso, da scheint Musik zu sein, wo Romano sich bewegt. Denn wenn der Rapper so durch Köpenick marschiert, mit seinen wehenden Zöpfen und diesem breiten Grinsen, dann ist das wie in einem Musikvideo, obwohl niemand eine Kamera auf ihn richtet. Die braucht es auch nicht. Romano lacht, Romano breitet die Arme aus, Romano winkt. Romano macht Show. Bloß wirkt die so echt, als wäre es keine. Seit er vor zwei Jahren einen Überraschungserfolg mit seinem Debütalbum hingelegt hat, „Jenseits von Köpenick“ heißt die Platte, da ist er nicht mehr nur hier bekannt, in seiner Heimat, sondern auch über Köpenicks Grenzen hinaus.

Dass dieser Kerl, halb Wikinger, halb Westcoast-Rapper, in kein Genre passt und dass man sich keinen Reim machen kann auf ihn und seinen Electro-Rap, das trifft einen Nerv. Romano, der eigentlich Roman Geike heißt, bringt nun sein zweites Album auf den Markt, am Donnerstag stellt er einige Stücke auf dem Berliner Pop-Kultur Festival vor. Auf den Auftritt freut er sich, sagt er. Aufs Entertainen, klar. Das kann er nicht lassen, auch ohne Bühne.

„He Romano“, sagt eine Blondine, die uns ein paar Meter entfernt beobachtet hat, und grinst. Romano unterbricht das Fotoshooting für diesen Artikel, dreht sich zu ihr um, lacht, „Tachchen!“. „Biste heute Abend im ‚Raven‘?“, fragt die Blondine. „Ick gloobe, ick schaffe es heute nich’“, berlinert Romano, „aber komm ma’ ran hier, lass dich ma’ drücken.“ Die Blondine kommt zögerlich zu uns, murmelt „immer noch der Alte“ in seine Schulter. Solche Dinge passieren ständig, wenn Romano durch seinen Bezirk läuft. Hier ist er aufgewachsen, hier will er bleiben. Redet er von Berlin, sagt er „die Stadt“. Köpenick ist das kleine Paradies unten rechts.

Hier ist er nicht erst bekannt, seit er vor drei Jahren durch Musikvideos von befreundeten Künstlern stiefelte und dann, wenig später, einen eigenen Plattenvertrag ergatterte. Man winkt, grüßt, umarmt sich hier. „Komm ma’ ran“. Was andere nervt, das ist für ihn Motor. Romano will sich nicht abschirmen. Er sucht diesen Kontakt. Er braucht diesen Kontakt. „Ich will noch näher ran an die Leute“, sagt er später und formt mit den Händen kleine Bagger, die Luft zu sich heranschaufeln wie er die Menschen. Er will mehr von sich zeigen, sich noch mehr öffnen. Keine Grenzen, keine Schranken. So wie in der Musik.

Über Mutti und Vati: Romano schreibt sein Leben in Musik

Deswegen gibt es auf seiner neuen Platte, „Copyshop“ heißt die, Stücke über seine Vergangenheit. So wie der Song über die Wendezeit, „König der Hunde“, „nichts Pathetisches“ findet Romano. Es geht mehr um dieses Gefühl der Anarchie von damals und, klar, um den Alltag, neue Schulbücher, Kaffeefahrten, die erste Couch von Quelle und so. Romano hat seinem Vater ein Stück gewidmet und der „Mutti“ auch. Seine Mutti, die laut Geige spielt, aber nicht gut, Mutti, die mal am Spielautomaten sitzt und mal in Grunewald. Mutti findet den Song gut, sagt Romano. Nur einen Satz hat sie nicht verstanden, den musste er ihr erklären. „Wer hat die dicksten Eier? Mutti“.

Den Namen hat die Platte, auch das ist autobiografisch, weil er Mediengestalter gelernt, acht Jahre in Copyshops gearbeitet hat. Er hat erst 2013 damit aufgehört, als das mit der Musik zu wichtig geworden ist und die Zweifachbelastung zu viel. „Ein Ende ist auch immer ein Neuanfang“, sagt er, als suche er für den nächsten Schlagerhit ein paar schmissige Zeilen, „man muss auch manchmal ins kalte Wasser springen und was wagen im Leben“. Was wagen, das hat für ihn ja geklappt. Jetzt.

Er muss irgendwohin mit der Energie, die ihn durchströmt, immer raus an die Luft

Denn vor seinem Erfolg mit der Heimatliebe-Platte vor zwei Jahren – „Komm, komm mit mir nach Köpenick, es ist nur ’n kleiner Schritt zum großen Glück“ rappt er da – hat er schon 18 Jahre Musik gemacht. Nein, eigentlich noch länger. Musik war schon immer da. Romano kann sich nicht an ein Leben ohne sie erinnern. Schon als Kind haut er sein Köpfchen im Takt der DDR-Schlager seines Vaters an die Sofalehne. Buff, buff, buff. Er muss irgendwohin mit der Energie, die ihn durchströmt. Muss sie rauslassen, an die Luft. Das ist auch heute noch so.

Zwar haut er seinen Kopf nicht mehr an Möbelstücke, sondern Beats, immer dem Publikum entgegen. Da ist es egal, welche. Zuerst, als er mit zehn Jahren von George Michael hört, da singt er „I want your sex“ mit Zeigestock vor seinen johlenden Mitschülern. Später, als er Metal und Rock kennenlernt, Anfang der 90er-Jahre, die Mauer ist gefallen, singt er das. Später ist es Drum ‘n’ Bass, dann Schlager. Und jetzt eben Hip-Hop, vermischt mit Electro-Rhythmen. Richtig einordnen kann man das nicht. Und das gefällt ihm.

Er findet, dass er jetzt angekommen ist

Seine Musik in einem Wort beschrieben? „Grenzenlos“, sagt er und breitet die Arme weit aus, und dann: „Ich bin jetzt angekommen.“ Er sieht das Ganze so: Jede Musik, die er mal gemacht hat, die ist ein Schiff, unterschiedlich groß und breit. Alle Schiffe sind jetzt eingelaufen in den Hafen, in Romano, und da findet eine gigantische Party statt, das erste Album kam so gut an, das zweite hoffentlich auch. Gerade will er den Hafen nicht verlassen, aber vielleicht läuft bald wieder ein Schiff aus. Vielleicht ein altes, vielleicht ein neues. Wer weiß. Wenn Romano so spricht, dann sieht man sie, die Schiffe. Und auch seine Schlagervergangenheit.

Nach dem Erfolg des ersten Albums ist der Druck groß, ein zweites nachzulegen, oder? Romano winkt ab. Nach 20 Jahren Musik ist das mit dem Erfolgsdruck nicht mehr so eine Sache, sagt er. Nach dem ersten Album hat er kurz Pause gemacht, ein bisschen Meer gucken in Bad Doberan, dann hat er neue Songs geschrieben. Die wird er jetzt zum ersten Mal präsentieren, auf dem Pop-Kultur Festival. Dass das von einigen Bands boykottiert wird, weil die israelische Botschaft einen Reisekostenzuschuss gewährte, das hat er nicht mitbekommen. Die BDS-Kampagne („Boycott, Divestment, Sanctions“), die Israel isolieren möchte und Künstler dazu auffordert, nicht an dem Berliner Festival teilzunehmen, hat ihn nicht erreicht. Nach Köpenick, sagt er, braucht alles eben etwas länger.