Film

Der weibliche Bond: "Atomic Blonde"

Charlize Theron haut kurz vor dem Mauerfall ganz Berlin zu Klump. Als Beitrag zur Frauenquote im Film taugt das aber nicht.

Nicht zimperlich: Charlize Theron

Nicht zimperlich: Charlize Theron

Foto: Universal Pictures

Diese Frau braucht keine Waffen. Als Agentin des britischen MI6 nutzt Charlize Theron im Kampf gegen ihre durchweg männlichen Gegner schon mal einen Korkenzieher, mit einem einfachen Wasserschlauch weiß sie eine ganze Polizeieinheit niederzustrecken. Und wenn gar nichts anderes zur Hand ist, zieht sie eben ihren Stiletto vom Fuß.

Jahrhunderte lang zwang der männliche Gusto die Frauen, auf hohen Hacken zu laufen, jetzt setzen sie sich genau damit zur Wehr: "Atomic Blonde", der am Donnerstag in die Kinos kommt, ist eine echte Kampferklärung. Und scheint, mitten in der hitzig geführten Debatte um eine Quote im Kino, genau der richtige Film.

Eigentlich müsste man sich freuen über diesen Film. Endlich mal Action mit einer Frau in der Hauptrolle. Die paar Heroinen, die es gibt, kann man an einer Hand abzählen. Geena Davies hat es in den 90-ern vorgemacht, Angelina Jolie folgte in den Nuller-Jahren, man könnte noch Milla Jovovich, Kate Beckinsale oder seit Kurzem auch Scarlett Johansson auflisten – das ist es dann aber auch schon fast mit weiblichen Stars, die sich im klassischen Männer-Genre austoben.

Charlize Theron hat lange für dieses Projekt gekämpft, das sie auch mitentwickelt hat. Schon in "Mad Max: Fury Road" und "Fast & Furious 8" hat sie sich zuletzt im Action-Genre erprobt. Da aber waren wie üblich Männer die Helden. Hier nun ist alles auf sie zugeschnitten. Monatelang hat sie dafür intensiv trainiert, wie hart, das sieht man in jeder Einstellung. Und sie hat David Leitch, den Regisseur von "John Wick", abgeworben, der auch bei "John Wick 2" Keanu Reeves in rohe Action werfen sollte und dies nun stattdessen mit La Theron tut.

Harte Bandagen: Schon das Zuschauen tut weh *

Ihre Top-Agentin Lorraine Broughton ist nichts anderes als ein weiblicher Bond. Der, nein eben: die genauso viel Trümmer hinterlässt, wo immer sie auftaucht. Die sich zwischendurch auch jede Menge Sex gönnt, dabei noch weiter als Mister Bond geht und sich auch mit dem eigenen Geschlecht verlustiert.

Der große Unterschied aber: Während die Herren des Genres mit immer noch größeren Wummen spielen müssen, werden Waffen hier höchstens gezückt, aber gleich wieder weggeworfen. Es geht fast ausschließlich um physischen Nahkampf. Dabei sieht man auch nicht diese ewig gelackten Martial-Arts-Choreographien, die keiner ernst nehmen kann. Hier wird richtig gekämpft. So, dass alle deutliche Blessuren davontragen. Und schon das Zuschauen wehtut. Hier wird gestöhnt und geächzt und buchstäblich bis zum Umfallen gekämpft.

Die weibliche als die ehrlichere Action: Das hätten wir an dieser Stelle gern geschrieben. Allein: In ihrem fast schon missionarischen Drang, es den Männern in ihrem ureigenen Genre zu zeigen, wird Charlize Theron zu einer Kampfmaschine wie Sly Stallone als Rambo. Die Gewaltexzesse werden sogar noch detaillierter ins Bild gesetzt als üblich, und wiederholt spritzt Blut auf die Kamera. Das Bild sieht rot. Und das soll ein feministischer Ansatz sein?

Eigentlich müsste man sich freuen über diesen Film. Gerade auch als Berliner. Denn diese Hollywoodproduktion spielt in Berlin, in den letzten Tagen des Mauerfalls, in West und Ost. Deutschland, ja Europa steht vor einem historischen Umbruch, aber – das ist die große Ironie dieses Films – keiner der Geheimdienste vor Ort, weder Briten noch Franzosen, weder Russen noch Amerikaner, scheinen mitzukriegen, wie das Volk auf die Straße geht und sich gegen sein Regime erhebt. Alle jagen stattdessen einer ominösen Liste mit Agenten-Identitäten nach, die sie für essenziell halten. Der spannendste Showdown findet denn auch just unter Massen von Demons­tranten vor dem Alexanderplatz statt.

Ein genuiner Berlin-Film, könnte man denken. Und Frau Theron war ja schon einmal, im Sci-Fi-Film "Aeon Flux", eine Berlin-Heroine. Aber nur wenige Szenen wurden wirklich vor Ort gedreht, das Meiste wurde in Budapest nachgestellt. Wobei man liebevoll die Mauer hochgebaut und sich auch sonst viel Mühe gegeben hat, dass man wirklich meint, wieder in der alten, geteilten Stadt zu sein.

Man muss den Film dringend im Original sehen, weil Charlize Theron viel Deutsch reden muss. Man mag es aber auch wieder nicht, weil auch die kleinsten ost- wie westdeutschen Nebenrollen durchaus nicht mit hiesigen Schauspielern besetzt wurden und daher mit fürchterlichem Akzent radebrechen. Lediglich Til Schweiger darf in einer obskuren Schlüsselrolle glänzen.

Und dann die Musik! Deutschland in den 80-ern, da kann man doch, haben sich die Macher gedacht, dauernd Neue Deutsche Welle spielen. So hört man sie alle: Falco, Nena, Marcus, im Original, aber auch in Coverversionen. Nur war NDW leider Anfang und nicht Ende der 80er-Jahre und somit nicht der Soundtrack der Wende. Nicht zufällig trägt die Theron eine Perücke wie Blondie, die Pop-Ikone. Aber auch deren Hit "Atomic", auf der sich der Titel bezieht, war 1989 schon zehn Jahre alt.

Nichts stimmt also so wirklich an diesem Film, der immer eine Spur zu laut, eine Spur zu brutal ist. Vielleicht hätte Frau Theron einfach den Mut aufbringen müssen, auch die Regie konsequent einer Frau anzutragen. Dass das auch bei Action funktioniert, konnte man kürzlich bei "Wonder Woman" studieren. Wahrscheinlich aber wollte Frau Theron einfach nur beweisen, dass sie der bessere Kerl ist.

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