Kinofilm

Zwei 14-Jährige und der Abenteuerspielplatz Berlin

Zart und hart: „Tigermilch“ erzählt vom Erwachsenwerden – und dem Lebensgefühl einer ganzen Stadt.

Jugendlicher Schwung, der ansteckend wirkt: Die 14-jährigen Hauptdarstellerinnen Flora Li Thiemann und Emily Kusche im Film „Tigermilch“

Jugendlicher Schwung, der ansteckend wirkt: Die 14-jährigen Hauptdarstellerinnen Flora Li Thiemann und Emily Kusche im Film „Tigermilch“

Foto: Constantin

Es ist Sommer in Berlin. Vor Nini und Jameelah liegen schier endlose, sonnige Ferienwochen. Treffpunkt ihrer Clique ist das Wilmersdorfer Freibad, ein Ort, der für Spaß und Unbeschwertheit steht. Gut, das Zeugnis von Nini (Flora Li Thiemann) ist richtig mies ausgefallen, und die Irakerin Jameelah (Emily Kusche) bangt, ob die Behörden über ihren Einbürgerungsantrag positiv entscheiden. Doch den Übermut und das Freiheitsgefühl der beiden Freundinnen, die sich zusammen unbesiegbar fühlen, bremst das nicht.

Berlin – das ist ihr Abenteuerspielplatz. Hier gehen die 14-Jährigen kichernd Ringelstrümpfe klauen und zocken unerschrocken Freier an der Kurfürstenstraße ab. Zwischendrin, in der U-Bahn, stillen sie ihren Lebensdurst mit "Tigermilch", einer Mischung aus Maracujasaft, Milch und Weinbrand. Und so wie die räuberischen Großkatzen wollen auch die wilden Mädchen in diesem Sommer zum Angriff übergehen. Sie starten das "Projekt Defloration": Um zu den Großen zu gehören, müssen sie endlich Sex haben.

Temporeich, frech, unverblümt: So präsentiert sich "Tigermilch" schon in den ersten Minuten. Der Film, der am Dienstag in Berlin Premiere feiert und am Donnerstag ins Kino kommt, transportiert damit nicht nur das Lebensgefühl von Teenagern an der Grenze zum Erwachsenwerden, sondern das Lebensgefühl einer ganzen Stadt.

Verfilmt von Regisseurin Ute Wieland ("Freche Mädchen", "FC Venus"), hat die Geschichte das Zeug, in die lange Reihe filmischer Berlin-Porträts aufgenommen zu werden. Denn das, was Nini und Jameelah im Laufe des Sommers erleben, ist vielleicht so nur in Berlin denkbar. Hier, in der deutschen Hauptstadt, muss man die Probleme nicht konstruieren, die im Film ihre Wucht entwickeln. Sie sind allgegenwärtig: Kulturen reiben sich aneinander, Geflüchtete leiden an Kriegsfolgen, Familien sind kaputt. Arm besteht neben Reich, Hass neben Liebe, Gleichgültigkeit neben Engagement. Und in das pralle Leben von Nini und Jameelah tritt ganz plötzlich der Tod – hässlich, brutal, direkt vor ihrer Haustür.

Ute Wieland wollte mal eine andere Seite der Stadt zeigen

Dabei sollte es eine bezaubernde Nacht werden, im Wortsinn. Um ihren Schwarm Lukas zu erobern, überredet Jameelah Nini, mit ihr einen Liebeszauber zu veranstalten. Bekleidet nur mit dünnen Hemdchen, eine Plastiktüte voller Rosenblätter unterm Arm, warten die Mädchen auf dem Spielplatz zwischen ihren grauen Wohnblocks auf Mitternacht. Doch der Zauber wird jäh zerstört. Nini und Jameelah werden Zeuginnen eines Mordes. Zwar könnten sie den Täter überführen, dennoch verpflichten sie sich zum Stillschweigen: Jameelah will keinen Ärger, bevor sie und ihre Mutter eingebürgert sind. Dann allerdings wird Amir, der beste Freund von Nini, für den Mord verhaftet. Mut und Entschlossenheit sind gefragt – und die Freundschaft der Mädchen wird auf die Probe gestellt.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Stefanie de Velasco, der 2013 erschien und ein Jahr später für den deutschen Jugendbuchpreis nominiert wurde. Ute Wielands Skript wurde für den deutschen Drehbuchpreis als "Bestes unverfilmtes Drehbuch" nominiert. Die Geschichte, sagt Ute Wieland, habe sie sofort fasziniert. Sie habe das Projekt unbedingt machen wollen, weil "Tigermilch" auch ein Film über die Energie von Berlin sei. Sie selbst lebt seit 17 Jahren hier. "Es war mir wichtig, eine andere Seite dieser Stadt zu zeigen, eine der Siedlungen, in denen Bosnier, Serben, Iraker, Deutsche miteinander wohnen."

Ohne Scheu dem Thema Liebe und Sexualität nähern

Seinen Charme gewinnt der Film aber vor allem dadurch, dass dieses Zusammenleben aus der Perspektive von Jugendlichen erzählt wird. Sie sind in der Siedlung gemeinsam groß geworden, leben die Integration. Und getragen wird der Film nicht zuletzt von seinen jungen Hauptdarstellerinnen Flora Li Thiemann und Emily Kusche, beide 14 Jahre alt, Berlinerinnen, mit ersten Filmerfahrungen. Beachtlich vor allem, wie sie sich ohne Scheu dem Thema Liebe und Sexualität nähern und vor der Kamera virtuos sowohl romantische Szenen meistern wie solche, in denen es dann tatsächlich ernst wird. Ausgerechnet in einem Hotelzimmer, mit fremden Männern. Nun, nach dieser Mordnacht, ist alles egal, scheinen sich die Mädchen zu denken.

Ihr Denken und Handeln wird nachvollziehbar, weil der Film auch einen Blick in das Familienleben der beiden gewährt. Von Nini, deren Vater verschwunden ist und deren Mutter die meiste Zeit apathisch auf dem Sofa dämmert. Und von Jameelah, deren Vater und Bruder im Irak ermordet wurden und deren Mutter bis zur Erschöpfung arbeitet, um der Tochter und sich ein neues Leben in Deutschland zu ermöglichen.

Es ist die Freundschaft, die sie stark macht

Dass Nini und Jameelah übersprudeln vor Lebenslust und mehr oder weniger zielstrebig ihren Weg suchen, erscheint vor diesem Hintergrund fast wie ein Wunder. Es ist die Freundschaft, die sie stark macht. Die erste Liebe, die Nini in dem lässigen Sprayer Nico findet. Es ist ihr jugendlicher Schwung, der ansteckend wirkt. Und es ist nicht zuletzt das Pflaster von Berlin, das sie abgehärtet hat.

"Tigermilch" ist ein Film irgendwo zwischen "Prinzessinnenbad", jenem preisgekrönten Dokumentarfilm über drei Kreuzberger Mädchen, und dem gefeierten Spielfilmdrama "Victoria": rasant und offen, wenn auch nicht ganz so schockierend und atemberaubend. Die Botschaft über Berlin ist versöhnlich: Auch wenn die Stadt den "Tigermilch"-Mädchen jede Menge Grobheiten zumutet – zugleich verleiht sie ihnen das Rüstzeug, um den Sprung ins Erwachsenenleben zu schaffen.

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