Musical

Ilona Schulz, das Gesicht von gleich drei Berlin-Musicals

Im Tipi am Kanzleramt wird „Cabaret“ wiederaufgeführt. Mit Ilona Schulz als neuem Fräulein Schneider. Ein Treff im Isherwood-Kiez.

Foto: Massimo Rodari

„Willkommen, Bienvenue, Welcome“: So beginnt das Musical „Cabaret“. Jeder kennt das Lied, nicht zuletzt aus dem Film. Und ab heute erklingt es wieder im Tipi am Kanzleramt, wo das Stück jetzt schon traditionell im Sommer gespielt wird. Seit 2004 läuft es hier und wird immer noch dankbar angenommen. Und das nicht nur von Touristen, die sich in der spielfreien Zeit über jedes Stück freuen, noch dazu, wenn es von Berlin handelt.

Immer wieder hat es in den 14 Jahren Um- und Neubesetzungen gegeben. Die Sally Bowles hat mehrfach gewechselt, von Anna Loos über Katherine Mehrling bis zu Sophie Berner. Auch das Fräulein Schneider, die Zimmerwirtin, die Sally Bowles und ihrem Cliff die Zimmer vermietet, wurde erst von Angela Winkler gespielt, dann von Maria Körber und schließlich von Regina Lemnitz. Nun aber werden alle Rollen zweit- und umbesetzt. Am heutigen Mittwoch startet das Musical noch in alter Besetzung, dann werden nach und nach Sally und Cliff ausgetauscht und ganz zuletzt, am 22. August, wird Ilona Schulz das Fräulein Schneider spielen. Fast ein Generationensprung: Frau Lemnitz ist, man muss das Alter an dieser Stelle einmal verraten, schon 70, Ilona Schulz 61.

Berühmt durch „Linie 1“ am Grips Theater

Wir treffen uns aus diesem Anlass mit dem „neuen“ Fräulein Schneider – im Café „Berio“ unweit der Nollendorfstraße, also da, wo Christopher Isherwood einst gewohnt und seine Erlebnisse in seinen „Berlin Stories“ festgehalten hat. Frau Schulz ordert erst einen Cappuccino und bestellt dann noch mal um: Nein, lieber einen Eiskaffee! „Denn“, sagt sie, „ich komme jetzt in ein Alter, wo man das wieder darf.“ Als Schauspielerin müsse man ja ziemlich lange auf seine Figur achten. Aber jetzt sei sie in einem Alter, wo man das wieder dürfe.

Mit dem Alter scheint sie kein Pro­blem zu haben. Und das ältere Fräulein Schneider habe sie immer schon spielen wollen, wie sie offen zugibt: „Ich bin seit Langem scharf auf die Rolle. Wann immer die auftauchte, habe ich ,Hier!‘ gerufen.“ Sie ist dafür bis in die Schweiz zu einem Casting gefahren. Aber immer hieß es: Na ja, ’n bisschen jung. Sie hat schließlich die Haarfarbe gewechselt: „Ich bin nun mal so alt, soll doch ruhig jeder sehen.“ Und dann kam der Anruf, ausgerechnet vom Tipi. Wo sie doch eine lange Geschichte mit den beiden Zelten hat. In der Bar jeder Vernunft hat sie mit Petra Zieser „Schulz & Zieser“, „Kellnerinnen“ und „Chorprobe“ gespielt, im Tipi „Fifty/Fifty“. Das ist alles schon eine Weile her, aber der Kontakt war immer da. Und dass sie gerade dort ihre Lieblingsrolle spielen darf, macht sie geradezu selig.

Tretspuren in der Muskulatur

Ilona Schulz kennt man vor allem aus „Linie 1“. Aus dem Erfolgsmusical vom Grips Theater, aber auch aus der berühmten Verfilmung von 1988. Sie hat da mit Petra Zieser Risi und Bisi gespielt, vor allem aber das Loser-Mädchen, das mit trauriger Stimme „Hey du, hör mir mal zu“ sang. Auch wenn sie seither auf vielen Bühnen stand und in vielen Filmen mitgewirkt hat: Immer noch wird die Schulz auf diese Rolle angesprochen. „Das ist ein wunderbarer Türöffner“, sagt sie. „Jedem Müllmann kann ich sagen: Ich bin die aus ,Linie 1‘.“ Und nein: Das nervt nicht, auch nach so langer Zeit immer wieder daran festgemacht zu werden. „Ich bin stolz darauf, dass das Teil meiner Karriere ist.“

Sie hat dann auch am Potsdamer Platz im Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ mitgespielt, zwei Jahre lang, acht Vorstellungen pro Woche. Das hat, meint sie, Tretspuren in der Muskulatur hinterlassen. „Man geht da nur noch raus und lässt spielen.“ Als sie mal neue Schuhe bekam für die Rolle, hatte sie prompt eine Textblockade: weil etwas anders war. Und jetzt also „Cabaret“. Das wird zwar „nur“ im Sommer gespielt. Aber auch da kann sie ja Serientäterin werden. Ihre Vorgängerin Lemnitz hat das immerhin 14 Jahre gespielt, und Ilona Schulz möchte das auch gern auf Dauer machen. „Ich lass das nicht mehr los“, meint sie. Ihre Tochter feixte schon: „Mutti, jetzt bist du in allen drei großen Berlin-Musicals vertreten!“ Der Nachwuchs hat recht.

Späte Liebe hat sie selbst erfahren

„Cabaret“ hat Ilona Schulz gleich aus mehreren Gründen angefasst. Zum einen geht es bei ihrer Figur des Fräulein Schneider um eine späte Liebe, mit all ihrer Zerbrechlichkeit. „Das“, meint die 61-Jährige, „ist ein Thema, das ich kenne.“ Sie habe sich verhältnismäßig spät noch mal verliebt. Dann eine Pause. Und der Nachsatz: „Geht auch gut.“ Liebe im Alter, das sei ein ganz wichtiges Thema. Gerade jetzt, wo alle immer älter werden und auf der anderen Seite dieser Jugendwahn grassiert.

Aber dann findet sie das Stück, das von den Roaring Twenties in Berlin handelt, aber auch schon vom Schatten, den die Nazis vorauswerfen, auch politisch hochaktuell. Als sie das zur Vorbereitung wieder aufgriff, dachte sie: „Mein Gott, das brennt richtig.“ Nicht nur wegen des Aufkommens der AfD. Auch wegen all der Rechtsrucke in unsren Nachbarländern. Oder in der Türkei. Eigentlich“, sagt sie mit Verve, „müsste man das Stück jetzt überall wieder spielen.“

Briefe der Eltern sollen Bühnenprogramm werden

Und dann hat sie sich gerade auch sehr persönlich mit jener Zeit beschäftigt. Als ihre Mutter vor Kurzem 90-jährig starb, hat sie die Briefe ihrer Eltern geerbt, aus der Kriegszeit, in Sütterlin. Sie hat sie transkribiert, ist ihrer Familiengeschichte nachgegangen, mit all ihrer Diskrepanz. Ihre Mutter war 19, als der Krieg ausbrach, ihr Vater 30. Er war, das kann man nicht beschwichtigen, ein klassischer Mitläufer. Unheimlich zärtlich seien diese Briefe gewesen, und doch schwinge immer diese Ideologie dabei mit. Da wurde ihr klar: „Wir sind mit unserer Geschichte noch lange nicht fertig, auch nicht in der zweiten oder dritten Generation.“

Deshalb plant sie jetzt auch, aus diesen Briefen ein Bühnenprogramm zu erstellen. Es sei allerdings sehr schwer, Gelder dafür zusammenzukriegen. Weil alle zusammenzucken, weil alle Angst haben, dass da im Mittelpunkt ein Mitläufer steht. „Aber genau darum geht es ja“, meint die Schulz. Vielleicht ist „Cabaret“ nun ein erster Schritt in dieser Richtung.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.