Nur nicht zu viel Worte über Donald Trump. Al Gore ist am Dienstag nach Berlin gekommen, um über seinen neuen Film „Immer noch eine unangenehme Wahrheit“ zu sprechen. Und über den Kampf gegen den Klimawandel, um den es darin geht. Aber der Journalist hat auch eine unangenehme Frage: die nach dem derzeitigen Präsidenten.

Gore weiß das natürlich. Aber er will Trump nicht zu viel Raum überlassen. Danach gefragt, ob der seine Präsidentschaft womöglich vorzeitig beenden könnte, weicht er zunächst aus. Meint, man müsse jetzt erst mal die Ergebnisse des Untersuchungsausschusses abwarten. Dann findet er aber eine sehr griffige Metapher: „Wo Rauch ist“, sagt Gore, „da ist Feuer.“ „Und“, fügt er nach kurzer Pause an, „da ist viel Rauch.“

Der Klimaschutz ist ihm zur Lebensaufgabe geworden

Al Gore umweht ja etwas Tragödienhaftes. Auf ewig wird er derjenige sein, der, nach acht Jahren Vizepräsidentschaft unter Bill Clinton, im Wahljahr 2000 denkbar knapp und nur nach einer sehr umstrittenen Auszählung gegen George W. Bush verloren hat. Ein Verlierer, wenn auch ein aufrechter. Aber danach hat er die politische Bühne verlassen, um seine wahre Berufung zu finden. Für den Klimaschutz hat er sich schon davor eingesetzt. Nun ist es ihm zur Berufung geworden, die ihn auch heute noch, mit 69, um die ganze Welt führt.

Von dieser Wandlung handelte 2006 der Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“, wo er vor den horrenden Folgen des Klimawandels warnte. Von den Seiten, die die Erderwärmung einfach nicht wahrhaben wollen, wurde er dafür scharf attackiert, zum Teil sehr persönlich. Der Film aber erhielt einen Oscar und Gore ein Jahr später gar den Friedensnobelpreis, weil er die Menschheit in dieser Frage aufgerüttelt hat wie kein Zweiter.

© Paramount Pictures and Participa | Paramount Pictures and Participa

Nun, elf Jahre danach, gibt es einen zweiten Film. Der eine Art Bilanz ist, aber auch einen optimistischen Blick nach vorn gibt. 2006 wurde Gore noch vorgeworfen, er würde Panik verbreiten. Inzwischen sind viele Dinge, die er prognostiziert hat, eingetreten. Die Filmemacher begleiten ihn nach Grönland, wo die Gletscher schmelzen, nach Miami, wo Gore durch überflutete Straßen watet, ins philippinische Tacloban, das von einem Wirbelsturm verwüstet wurde. Der Film zeigt aber auch, wie viel sich seit 2006 geändert hat. Wie Gore Kurse für Menschen gibt, die wie er vor den Folgen der Erderwärmung warnen. Wie immer mehr Staaten in der Energiepolitik umschwenken. Und ausgerechnet Georgetown im tiefsten republikanischen Texas zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien setzt.

Die Kamera ist auch dabei, als Al Gore im Dezember 2015 auf der Pariser Klimakonferenz sitzt. Und ihm eine Schlüsselrolle zukommt, Indien zu überzeugen, das Abkommen, das es erst ablehnen will, mitzutragen. Und dann kommt, ausgerechnet aus dem eigenen Land, Donald Trump. Und wirft seine Arbeit um Jahre zurück. Indem er schon kurz nach der Wahl, was im Film noch vorkommt, das Klimaabkommen von Paris infrage stellt. Das er nun auch wirklich aufgekündigt hat.

Die Zeit wird knapp, aber Lösungen sind da

Wie fühlt man sich nach solchen Rückschlägen? Möchte man da nicht manchmal vor Frust hinschmeißen? Nein, da ist der 69-Jährige ganz entschieden, dafür sei die Mission zu ernst. Jeder, der für den Klimaschutz kämpfe, kenne diese Schwankungen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Und hadert er doch noch manchmal damit, damals nicht Präsident geworden zu sein? Nein, auch damit hat er seinen Frieden gemacht. Natürlich sei das der wohl einflussreichste Posten, den man in der Welt haben könnte. Aber man müsste sich da eben auch um viele Dinge kümmern. Er dagegen kann sich ganz auf den Klimaschutz fokussieren. Der Kampf ist ihm zur Lebensaufgabe geworden. Und, das sagt er voller Zuversicht, die Zeit werde knapp, aber die Lösungen seien ja da.

Wie er so dasitzt im Hotel Adlon, ist er doch ganz Elder Statesman, der mit ruhiger, sonorer Stimme spricht und geduldig die immer gleichen Fragen beantwortet. Er gibt sich aber auch ganz bodenständig. Das zeigt sich schon in der Kleidung. Zum maßgeschneiderten dunklen Anzug trägt er schwarze Cowboystiefel. Die seien einfach sein bequemstes Schuhwerk. Er gibt auch bereitwillig Auskunft, dass er zu Hause ein E-Auto fährt und Solarzellen auf dem Dach hat.

In Tacloban steckt Al Gore eine Kerze an für die Opfer  des verheerenden Wirbelsturms
In Tacloban steckt Al Gore eine Kerze an für die Opfer des verheerenden Wirbelsturms © Paramount Pictures and Participa | Paramount Pictures and Participa

Aber die Fragen kommen natürlich immer wieder zur Politik zurück. Zu Angela Merkel, die Gore beeindruckt hat. Zur Bundesrepublik, der er in der Klimapolitik eine Vorbildfunktion attestiert. Die derzeitige Autokrise hier, tröstet er, sei nur ein weiteres Indiz dafür, dass die Weltwirtschaft vor einem fulminanten Wandel stünde. Und immer wieder geht es um Trump. Im Film bleibt er nur eine Randfigur. Der mal im Fernsehen spricht (und prompt abgeschaltet wird). Will Gore ihn damit absichtlich marginalisieren, entdämonisieren? Nein, auch da ist er ganz bodenständig: „Die gute Nachricht ist: Es gibt Lösungen. Und wir arbeiten daran. Um ihn herum.“ Immer mehr Wirtschaftszweige, Bundesstaaten und Gemeinden würden erkennen, dass es keine Alternative gibt. „Trump hat sich selbst isoliert.“

Letzte Frage: Wird es in weiteren elf Jahren einen dritten Film geben? Gore lacht. Der neue Film sei in den USA gerade mal angelaufen, in Deutschland startet er am 9. September. Da habe er noch keine Zeit gehabt, über einen weiteren Film nachzudenken. Aber nach kurzem Überlegen setzt er dann doch nach: „Ich hoffe, dass wir in zehn Jahren zurückblicken können und sagen: ,We made it‘.“ Oder noch besser: „Ich hoffe, dass kein dritter Film nötig ist.“