Film

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: "Gesetz der Familie"

Großes Schauspieler-Kino um einen Familienclan am Rande der Gesellschaft, der sich nicht um Regeln schert und eigene Wege geht.

Hochexplosives Vater-Sohn-Gespann: Chad (Michael Fassbender, l.) und Colby (Brendan Gleeson)

Hochexplosives Vater-Sohn-Gespann: Chad (Michael Fassbender, l.) und Colby (Brendan Gleeson)

Foto: Koch Films

Lustig scheint das Zigeunerleben. Ungebunden in den Wäldern hausen, in heruntergekommenen Wohnwagen, tagsüber rumhängen, abends ums Lagerfeuer hocken. Die Colbys leben am Rande der Gesellschaft, buchstäblich. Und gehen ihre eigenen Wege. Das wird gleich in der ersten Einstellung dieses Films deutlich: Da rast die Sippe in einem Wagen durch die Landschaft – querfeldein, nicht etwa auf der Straße. Und ein achtjähriger Spross darf am Steuer sitzen. "Das Gesetz der Familie", der heute ins Kino kommt, macht es schon im Titel deutlich: Dieser Clan schafft sich seine eigenen Gesetze.

Das hat was von der Romantik alter Räuberpistolen. Aber wenn das Geld ausgeht, nun ja, dann plant man einen Überfall. Schließlich haust man hier mitten in Gloucestershire, da, wo Großbritannien nicht nur am bilderbuchartigsten, sondern auch am reichsten ist. Die Polizei weiß immer genau, wer die Verantwortlichen sind, kriegt sie aber nie auf frischer Tat ertappt.

Gleich zwei Vater-Sohn-Konflikte auf einmal

So ganz einig und eingeschworen, wie er scheint, sind diese Outlaws dann aber doch nicht. Da ist Colby (Brendan Gleeson), der Patriarch. Er thront wie ein Buddha vor seinem Trailer, in einem schmuddeligen Sofa, aber so, als sei das der Eiserne Thron aus "Game of Thrones". Und preist die Vorzüge dieses Lebens in Freiheit. Eine Freiheit unter Zwang freilich, weil alle nach seiner Pfeife tanzen müssen.

Und da ist sein Sohn Chad (Michael Fassbender), der kühle Kopf der Truppe, der die natürliche Autorität seines Vaters geerbt hat und von allen respektiert wird. Seiner Frau und seinen beiden Kindern will Chad indes eine andere, eine sichere Existenz ermöglichen. So eine, wie er sie nie hatte. Die Kinder schickt er deshalb zur Schule – die er selbst nie besuchen durfte –, was dem Großvater ein Dorn im Auge ist. Und mit einem Anwohner macht Chad einen Deal aus, auf dessen Areal zu ziehen. Aber das muss man noch dem Alten beibringen. Und der muss da erst noch zustimmen.

"Das Gesetz der Familie" handelt von einem Vater-Sohn-Konflikt, eigentlich gleich von einem doppelten. Denn so wie Chad mit seinem Vater hadert, so hadert sein eigener Spross mit ihm. Der kleine Tyson sieht achtungsvoll zu seinem Großvater auf. Ist stolz darauf, von diesem ernst genommen zu werden. Und wird, ohne es zu ahnen, zum Druckmittel instrumentalisiert.

Der britische Regisseur Adam Smith hat bislang Serienfolgen von "Dr. Who" gedreht und Musikvideos etwa von The Chemical Brothers. Sein Spielfilmdebüt ist ein gewagter, aber auf weiten Strecken gelungener Mix aus Kammerdrama und Gangsterfilm. Immer wieder wird die Handlung dabei durch abenteuerliche Verfolgungsjagden mit der Polizei angeheizt, was von Kameramann Eduard Grau in fiebrigen Bildern eingefangen und mit der Musik von Smiths Gefährten, den Chemical Brothers, angetrieben wird.

Intensives Spiel, ja Duell der Hauptdarsteller

"Das Gesetz der Familie" ist aber vor allem großes Schauspieler-Kino. Michael Fassbender spielt derzeit sowieso gefühlt in jedem zweiten großen Film mit, ob "Assassin's Creed", "Alien: Covenant" oder "Song to Song". Hier ist er wieder mal in einem etwas intimeren Rahmen zu sehen, in dem er sich aber darstellerisch umso breiter entfalten kann – mit einer komplexen Figur, die zwar ganz im Leben steht, die auch aufbegehrt, aber den letzten Schritt doch nicht wagt.

Und dann ist da noch der herrlich knorrige Brendan Gleeson als Clan-Patriarch, der eigentlich gar nicht spielen muss, der rein mit seiner physischen Präsenz den Konterpart stemmt. Es war Fassbenders erklärter Wunsch, einmal mit Gleeson zusammen zu spielen. Sie tun das so stimmig, dass man ihnen die Vater-Sohn-Beziehung sofort abnimmt. Ein darstellerisches Fest – und Duell zugleich.

Und doch lässt einen der Film zwiegespalten zurück. Weil Smith den Konflikt nicht konsequent zu Ende führt, sondern im Finale ausweichend auf einen Baum klettert und dort verharrt. Als müsste man noch mal betonen, was bis dahin doch jeder Zuschauer längst begriffen hat: dass der Apfel nicht weit vom Baum fällt. Der Schluss passt nicht zum Rest des Films. Wirkt wie eine Parodie darauf. Oder wie ein alternatives Ende, weil das Original bei irgendeiner Testvorführung durchgefallen ist. "Das Gesetz der Familie", es will sich auch dramaturgischen Gesetzen keineswegs unterwerfen. Es ist einer dieser Filme, die man am besten kurz vor Schluss verlässt. Dann hat man einen wirklich guten Film gesehen.

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