Irgendwann vor Weihnachten 2014 war es, da rief ein alter Schulfreund Christian Werner an, um ihn zu fragen, ob er nicht das Haus seines Großvaters fotografieren wolle. Der Großvater, der seine Frau überlebt hat, war gerade gestorben. Nun sollte die Immobilie verkauft werden. Spätestens wenn man sein Elternhaus auflöst, kehrt die eigene Jugend und Kindheit rasant zurück ins Bewusstsein, schafft sich die Erinnerung Platz.
So ähnlich dachte Mario Biehs wohl auch, als er den Berliner Fotografen bat, die Reliquien seiner Kinder- und Jugendzeit in Bildern festzuhalten. Werner kannte das Haus, im oberen Stockwerk hatte er mit seinem Freund zusammen etliche Biere getrunken, Nirvana gehört, gechillt, abgehangen, so hieß es damals.
Werner willigt also ein und nimmt sich einen Tag Zeit, das Haus zu fotografieren. Herr B., das sind 80 Jahre, eine Inventur in Fotos, die jetzt im Bröhan-Museum unter dem Titel „Stillleben BRD“ zu sehen sind. Diese Aufnahmen, Puzzlesteine aus dem Leben von Herrn und Frau B. aus Paderborn, sind mehr als persönliche Familienbilder, sind Abbilder von Wohnkultur und Lebensstil der alten Bundesrepublik. Die 70er-Jahre kehren mit aller Wucht zurück, Niedliches, Schönes, Piefiges, Potthässliches.
Zugegeben, leben wollte dort niemand mehr, auch wenn einige Dinge, wie der Flokati-Teppich, längst wieder auf der aktuellen Retroliste ganz oben stehen. „Für mich war es eine Auseinandersetzung mit der Nachkriegsgeneration, die ein geordnetes Leben in ihren Einfamilienhäusern führte. Vermutlich weil in ihrem Innenleben viel Unordnung herrschte“, vermutet Werner, Jahrgang 1977, der sein Studio an der Leipziger Straße in Mitte hat.
Der Partykeller galt als Statussymbol
Nun mag man sich fragen, warum diese Fotos ausgerechnet im Bröhan-Museum ausgestellt sind. Das Museum am Schloss zeigt in seiner Dauerausstellung Möbel und Raumkunst von Jugendstil und Art déco. Somit ergeben sich Verbindungen zu Stil und Ästhetik, Bürgerlichkeit und Funktionalität.
Es ist die alte Bundesrepublik, die Werner immer wieder beschäftigt. Fotoreportagen führten ihn bereits nach Duisburg und Köln, in die verkachelte Stadt. Verkachelt wurde nach dem Krieg oft im Westen der Republik, im Rheinland und im Ruhrgebiet. Im November wird im Berliner Aufbau-Verlag sein Bildband „Als Deutschland noch viel kleiner war“ erscheinen.
Bonn, so sieht es Werner, ist heute ein atmosphärisch dichtes „Museum“ der jungen Republik. Er hat dort die ehemalige Bundespressekonferenz besucht, den Kanzlerbungalow und die alten Botschaften. Natürlich hat er auch mit altgedienten Hausmeistern gesprochen.
Auch zur Ausstellung „Stillleben BRD“ ist ein lilafarben eingefasster Bildband erschienen, der zu empfehlen ist. Neben den Fotos gibt es herrliche Texte verschiedener Autoren, die über die Kulturgeschichte der deutschen Gardine philosophieren oder über das Sonntagsgeschirr mit goldenem Rand und die allzulangen Nachmittage.
Werner also marschierte 2014 mit der Kamera durch das ganze Haus. Vom Flur ging es über das Badezimmer, die Küche und das Schlafzimmer hinab in den Partykeller. Dort sind die Barhocker zu sehen, ziemlich verstaubt. Heute fragt man sich, warum man in den 70er-Jahren ausgerechnet im Keller feierte, wo es wenig natürliches Licht gab. Doch der holzverkleidete Raum galt zu der Zeit als Statussymbol. Er symbolisierte Wohlstand, weil es Platz gab. Und: Das Wohnzimmer blieb sauber und frei von Zigarettenrauch. Die meisten dieser Bars sind mittlerweile „stillgelegt“, dienen als Rumpelkammer für Wäscheständer oder Bierkisten.
Wenn diese Häuser einmal geräumt werden, gibt es nur noch die Erinnerung – oder Werners Fotos. Voraussetzung für ihn war, dass er an den Gegenständen nichts arrangierte, sondern sie so beließ, wie er sie vorfand. „Schnell, intuitiv, mit Blitzlicht“, so seine Vorgehensweise. Nur einmal macht er eine Ausnahme – bei dem Teppich mit der Fransenbürste, die dort nicht so lag. „Ein Gag“, sagt er. Er fotografierte auch keine Raumansichten, anonymisierte, indem er ausschließlich Ausschnitte aufnahm, einzelne Objekte oder Ensembles wie etwa die farbigen Besenstiele mit dem Klopfer am Treppenaufgang.
Da gibt es ein Stillleben vom Sofatisch. Es sieht so aus, als käme Herr B. gleich zurück, die Brille liegt akkurat neben dem Bieröffner, der Kuli neben der Zeitung, die Fernbedienung am linken Tischrand. Ein Deckchen darunter. Dass Herr und Frau B. in einer anderen Zeit gelebt haben, sieht man beim Blick in den Bücherschrank: Dort stehen eine dreibändige Lexikonausgabe von Bertelsmann, ein Duden und ein Fremdwörterbuch. Mit diesen Büchern zeigte die Familie, dass sie den damaligen Bildungskanon verinnerlicht hatte.
Bröhan-Museum, Schloßstraße 1a, Charlottenburg. Di.–So. 10 bis 18 Uhr. Bis 31. Oktober. Katalog: 35 Euro


