Kabarett

Immer auf den letzten Drücker

Zwischen Gesellschaftskritik, Comedy und Kabarett: Liedermacher Rainald Grebe tritt wieder in Berlin auf. Das Programm hat er gerade noch geprobt

Hat keine Angst mehr, wenn auf der Bühne mal etwas nicht klappt: Liedermacher Rainald Grebe in Prenzlauer Berg

Hat keine Angst mehr, wenn auf der Bühne mal etwas nicht klappt: Liedermacher Rainald Grebe in Prenzlauer Berg

Foto: Reto Klar

Ob am Dienstagabend alles sitzen wird, die neuen Lieder und das „Gequassel“, das weiß er noch nicht. Jetzt, ein paar Tage vor der Premiere seines neuen Programms, kommt der Kabarettist und Liedermacher Rainald Grebe von den Proben aus Brandenburg. Dort hat der 46-Jährige seine neue Show „Das Wigwamkonzert“ eingeübt, mit der er – passend zum Spielort – im Tipi am Kanzleramt auftreten wird. Diese Arbeit auf den letzten Drücker, die braucht er. Die ist Motivator und Adrenalinkick zugleich. Und ohne den geht es eben nicht auf der Bühne. Grebe weiß das. Mit seiner Kapelle der Versöhnung hat er schon in Stadien und Konzerthallen gespielt, in der Waldbühne zum Beispiel, in der Wuhlheide auch. Er ist im Quatsch Comedy Club aufgetreten und in der ZDF-Satireshow „Die Anstalt“ – immer mit diesem Mix aus Gesellschaftskritik und Volksliedern, Kabarett und Comedy. Nun kehrt er für eine Woche auf die kleinere Bühne zurück.

„Brandenburg“ spielt er nicht mehr so gern

Dort hat er ja auch angefangen. Damals, 1990 ist es und Grebe gerade 19 Jahre alt, steht er mit ein paar Mitschülern in Frechen bei Köln in der Schule auf der Bühne. Es ist die Abitur-Zeit, alles also möglich, Grebe frei, das Publikum begeistert. Und Grebe auch. Klar, dass er Talent hat, das hat er schon vorher mal festgestellt. Auf Familienfeiern und Geburtstagen hat er seine Tanten unterhalten, „Hoch auf dem gelben Wagen“ gesungen für eine Tafel Schokolade. Aber dieser Applaus von Mitschülern und Freunden, der ist neu. „Hätten die uns ausgebuht, wäre ich vielleicht einen anderen Weg gegangen“, sagt er heute, als sei das alles bloß Zufall.

Irgendjemand, erklärt er weiter fast beiläufig und schaut mit den großen Augen fort, habe ihm dann noch einen „Wisch“ gegeben von so einer Schauspielschule, die er nicht kannte. Und zwischen den zig Studienfächern sei ihm „Puppenspiel“ ins Auge gefallen, auch wenn er sich daran noch nie zuvor versucht hat. „So zwischen Jahrmarkt und Hochkultur“, sagt Grebe, als sei er noch mal 19, „das ist was für mich.“ Er geht also nach Berlin, an diese Schule, die sich als die „Ernst Busch“ entpuppt.

Dass er sich da für etwas recht Unkonventionelles entschieden hat, das lässt ihn heute nur die Schultern zucken. Wer Grebes Shows kennt, die fast hyperaktiven Theatereinlagen und die skurrilen Songs über Dörte, die freudlose Germanistikstudentin, oder über Bernd, den Abteilungsleiter bei Stiftung Warentest – wer all das kennt, der wundert sich, wie zurückhaltend Grebe über die eigene Geschichte spricht. In der Vergangenheit zu schwelgen, sich auf Erfolgen ausruhen, auf Chartplätzen und vollen Hallen, das ist nicht sein Ding. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er „Brandenburg“, seinen bisher größten Hit, nicht mehr gerne spielt.

Der Federschmuck als Hommage an Karl May

Zu oft ist er darauf angesprochen worden, zu oft haben Zuschauer dieses Stück bei Konzerten gewünscht. „Ich fühl mich so leer, ich fühl mich Brandenburg“, singt Grebe da. Ein Mal, vor wenigen Jahren, grölte ein Fan während der Show, er habe doch für einen Grebe-Abend bezahlt, da habe er doch jetzt auch ein Anrecht darauf, endlich das Lied zu hören. Das findet Grebe nicht. Denn er bestimmt, was gespielt wird, nicht die Zuschauer. „Ich bin doch kein Popstar, ich mache Theater“, sagt er, als sei das die Erklärung für das Selbstbewusstsein, sich seinem Publikum nicht anzubiedern. Der Wahlberliner macht halt sein eigenes Ding, das mit dem Federschmuck zum Beispiel.

Gern setzt er sich den auf der Bühne auf den Kopf, als sei er der Häuptling eines indigenen Stammes. Das ist wohl ein bisschen Rudiment seiner „Puppenspiel“-Zeit, ein bisschen aber auch Hommage, an seinen Vater und an Karl May. Denn über den hat bereits der Vater, ein „Scherzbold“, neben seiner Professur für Bibliothekswissenschaft Vorträge gehalten. Aber nicht diese Geschichten haben Grebe als Kind fasziniert, sondern der Autor. Dass der sich fortträumen konnte nach Amerika und bloß aus den Fäden seiner Fantasie solche Abenteuer spinnt. Ein bisschen so wie Grebe, auch wenn er das nicht zugeben würde. Denn auf der Bühne trägt er seine Zuschauer auch fort, mit Märchen, dadaistischen Songs und absurden Anekdoten.

„Prinzipiell bin ich optimistisch“

Was er im Tipi genau spielen wird, das will er noch nicht verraten. „Es gibt zur Hälfte Neues, einen Song über Fitnessstudios zum Beispiel, und zur Hälfte bewährte Hits“, sagt er und grinst. Er habe keine Angst, dass mal etwas schiefgeht auf der Bühne. Auch, dass womöglich keiner lacht, ist keine Furcht. „Klar, ich hab auch meine trüben Momente, aber prinzipiell bin ich optimistisch“, sagt er und fügt an: „Ich denke meistens: Das schaffe ich schon, das wird gut.“

Das sei aber nicht immer so gewesen. Ende der 90er-Jahre, Grebe ist gerade mit dem Studium fertig, da will er seine erste Theaterinszenierung auf die Bühne bringen. Doch Grebe und sein Team verzweifeln wenige Tage vor Premiere an den eigenen Ansprüchen. Er will das Stück absagen, den Beruf an den Nagel hängen. „Das war der totale Tiefpunkt“, sagt er heute. Doch dann, zwei Tage vor Premiere, kommt eine neue Idee. Er schreibt das Stück um, ändert das Konzept. Es wird eine tolle Premiere. Seitdem fragt er sich: Was soll noch passieren? Er schafft das schon, spätestens auf den letzten Drücker. So wie jetzt.

Tipi am Kanzleramt, Große Querallee,
Tiergarten. Tel.: 390 665 50.
Termine: 1.–5.8., 20 Uhr, 6.8., 19 Uhr.