Am Anfang kommen Zweifel auf. Zunächst am Wetter, das sich über dem Gendarmenmarkt zusammenbraut. Kein aggressives Gewitter wie in den letzten Tagen, aber doch genug Wolken, um die jazzhörige Menge, die von den Bierzelten rings um die Freitreppe des Konzerthauses zu den Sitzen strömt, potenziell ordentlich durchzunässen. Doch die Frage, ob etwas hängen bleibt, bezieht sich nicht nur auf den Regen, sondern auch auf Till Brönner bei Classic Open Air am Gendarmenmarkt.
Till Brönner ist zweifellos ein hervorragender Trompeter, und das ist kein Geheimnis. Er war eine der letzten Hoffnungen der untergegangenen legendären RIAS Bigband. Nicht umsonst hat Brönner den Preis der Deutschen Schallplattenkritik bekommen und ist Jazztrompeten-Professor an der Musikhochschule Dresden.
Der Till Brönner von 2017, der Künstler, hat zwei Gesichter. Das eine ist das des charmanten Vierzigers, der noch neben den Größten und Glamourösesten auf der (Fernseh-)Bühne eine gute Figur macht: Er kann mit Sarah Connor dekorativ in der Jury einer Castingshow sitzen, er kann aber auch mit Daniel Barenboim vergleichsweise tiefgründig über musikalische Improvisation philosophieren. Zu diesem Till Brönner gehört eben jener Trompetenklang, der nicht haften bleibt, weil er perfekt scheint, rund, fast werbejingle-artig: Nicht zufällig greift der Musiker bei solchen Anlässen gerne zum Flügelhorn, der sanften, vollmundig klingenden Schwester der Trompete.
Die Trompete ihrerseits ist ein störrisches Instrument. Sie ist nun mal ein dünnes Metallrohr, das von Natur aus vor allem Scharfes, Hartes, Kieksendes und Brüchiges hervorbringt, wenn man es nicht gezielt anders gelernt hat. Und genau da ist das zweite Gesicht des Künstlers, des Musikers, des Trompeters Till Brönner, und das zeigt er sofort bei Classic Open Air.
Der Klang der großen Jazzorchester der 40er-Jahre
Die erste Nummer hat einen ungeschönten, brazzenden Big-Band-Sound, einen Klang der großen Jazzorchester der 40er-Jahre, die die Klangnatur des schweren Blechs nicht verleugneten. Dass Brönner hier ein musikalisches Hybrid inszeniert – die Orchestertrompeter intonieren den Beginn von Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ –, ist bemerkenswert: Es bringt die heute in der Kulturszene so stiefmütterlich behandelte Stilform des Jazz wirkungs- wie zugleich niveauvoll vor das breite Publikum, welches vielleicht gar nicht so oft Jazz hört. Brönners anderes Gesicht: Er versteckt das Archaische der Trompete nicht, das dünne, hart und klar in die Ohren schneidende Blechrohr, auf dem man, im klassischen Sinne, auch eine ganze Menge „Fehler“ produzieren kann und an dem jeder Große, von Louis Armstrong über Miles Davis bis Brönner, im Laufe seiner Karriere mindestens einmal verzweifelt ist.
Es ist paradox, dass die künstlerisch nie ganz ausgegorene Idee eines privatwirtschaftlichen Klassikfestivals am Gendarmenmarkt durch einen Jazzer wie Brönner und sein hochkonzentriertes Publikum geadelt wird – die Menschen bei den eigentlichen Klassikevents wie der italienischen oder romantischen Nacht scheinen vor Ort traditionell zu viel Respekt vor dem Gehalt von klassischer Musik zu haben und versuchen diese vermeintliche intellektuelle Hürde im Durchschnitt mutwillig durch extra laute Unterhaltungen und Handygeknipse zu umgehen. So etwas sieht man bei Till Brönner nicht. Wer hier ist, ist es wegen der Musik. Jeder, auch der Jazz-Unkundige, wird hier mitgenommen, ohne dass sich auch nur ein Musiker des großartigen Till Brönner Orchestra unter seinem enormen Niveau verkaufen muss.
Brönner verteilt Aufgaben. Der Trompeter Tobias Weidinger, zweifellos nach dem Star einer der zur Zeit ganz großen deutschen Jazztrompeter, darf seinen von Brönner völlig verschiedenen, unmittelbaren und dinosaurier-großen Ton unplugged ins Publikum werfen, in einer groovigen Nummer New-Orleans-Jazz. Der berühmte Gitarrist Peter Fessler darf als Sänger von Carlos Maria Jobims Samba-Klassikern für die rhythmische Desorientierung des Publikums sorgen, angefangen mit dem „Girl from Ipanema“.
Virtuosität paart sich mit sauberem Handwerk
Stilistisch geht heute alles, und Brönner kann eben alles, technisch besser als die Erfinder des Funk und Bebop wahrscheinlich sogar. Sein Funk ist technisch aufgepeppt und eine Ohrenweide, alles in dem kultivierten Höllenlärm auf der Bühne ist tonlich genau ausgehört. Wenn – zu Recht – bemängelt wird, dass anspruchsvoller Jazz in Deutschland derzeit nicht genug Bühne habe: Hier hat er eine, und das Ereignis auf dem Gendarmenmarkt kann, wer Till Brönner hört, auch kein Avantgarde-Freak guten Gewissens als Mainstream entwerten. Dass er seine Töne, egal bei welchem Stil, lieber sauber ins Zentrum trifft als den Individualisten zu mimen, das ist gut, nicht schlecht. Virtuosität und künstlerische Höhenflüge gehen hier von sauberem Handwerk aus.

