Gerhard Kämpfe, der Festivalleiter, gibt zu Beginn des Abends zu, dass er noch ein bisschen „Restadrenalin“ im Blut hat. Immerhin waren den ganzen Tag über Unwetter angesagt. Auch Katharine Mehrling hat noch am Nachmittag auf Facebook gepostet und gefleht: „Lieber Wettergott, bitte sei uns gnädig.“ Viele Gäste haben den ganzen Tag immer mal wieder auf die Wetterprognosen gespickt, unsicher, wieviel Regenschutz man einpacken soll. Aber das Betteln wurde erhört. Noch zum Abend hin dräuten dunkle Wolken am Himmel, aber wundersamerweise ziehen sie sich zurück, als am Donnerstagabend die First Night von Classic Open Air beginnt. Punktgenau zum Start kämpfen sich erste mutige Sonnenstrahlen durch die Wolken.
„Fluch der Karibik“ gibt den Ton vor
Dirigent Robert Reimer stimmt mit seinem Filmorchester Babelsberg gleich zu Beginn mit dem wuchtigen Score aus „Fluch der Karibik“ an und gibt damit gleich den Ton vor. „Highlights aus Film & Musical“ werden hier präsentiert. Das Motto ist allerdings recht weit gesteckt, es beinhaltet auch andere Genres. Eher ein Kessel Buntes also. Dafür hat man mit Senta Berger als Moderatorin einen veritablen Filmstar auf der Bühne. Die leitet mit viel Charme durch den Abend. Und gibt dabei ungewohnt Persönliches von sich, erste Filmeindrücke, die sie als Kind gesammelt hat, aber auch, welche Filme sie kennt, seit sie Enkel hat.

Gleich zu Beginn überrascht der Entertainer Tom Gaebel mit „New York, New York“, ein Song, den der große Frank Sinatra gesungen hat. Und Gaebels Stimme klingt fast genauso. Dann kommt Katharine Mehrling und setzt einen ersten Höhepunkt. Sie schmettert Liza Minellis „Come to the Cabaret“ und erobert damit die Herzen der Zuschauer gleich im Sturm. Vier Mal hat die Chansonsängerin schon den Publikumspreis der Berliner Bühnen gewonnen, und gefühlt gewinnt sie ihn hier gleich noch einmal.
Auch wenn ihr mit Angelika Milster ein veritabler Musicalstar folgt, der seinen größten Hit „Memory“ aus dem Musical „Cats“ singt. An dieser Stelle fallen sogar, obwohl der Himmel immer lichter wird, ein paar Regentropfen. Aber das ist kein Regenschauer, es ist eher, als ob da oben im Himmel jemand vor Rührung ein Tränchen wegdrücken würde. Dann werden doch noch Regenschirme aufgespannt, aber nicht auf dem Platz, sondern auf der Bühne. Weil die Schlagersängerin Ella Endlich „Singin’ in the Rain“ singt, wie in dem Filmklassiker mit Gene Kelly, und die Energy Dancers dazu in knallroten Regenmänteln und rotweiß gestreiften Schirmen tanzen.
„Das war in Schöneberg im Monat Mai“
Nein, man sollte besser keinen Regen beschwören. Aber der Wettergott meint es gut und immer besser mit dem Classic Open Air. Als mit René Kollo ein echter Weltstar die Bühne betritt, bricht die Sonne vollends durch und taucht den Deutschen Dom in malerisches Sonnenuntergangslicht. Kollo wird im November 80 Jahre alt, wagt sich aber noch an die schwersten Partien und singt eine Arie aus Richard Wagners „Walküre“. Das hat dann nichts mehr mit Film und Musical zu tun. Aber sei’s drum, man kann Kollo einmal wieder live erleben. Er stimmt dann auch noch, auf Senta Bergers persönlichen Wunsch, „Dein ist mein ganzes Herz“ aus der Operette „Land des Lächelns“ an. Und dann auch noch Berliner Lieder seines Großvaters Walter Kollo wie „Das war in Schöneberg im Monat Mai“ oder „Solang noch untern Linden“. Und die älteren Semester schunkeln sehnsüchtig dazu.
Nach der Pause ist die Sonne untergegangen, und die Lichttechnik setzt das Konzerthaus in die tollsten, buntesten Farben. Die Stimmung auf dem Platz wird immer stimmungsvoller. Alle Stars des Abends, darunter auch noch die Opernsängerin Eva Lind und The Dark Tenor, haben allerdings wie üblich bei Classic Open Air einen kleinen Kampf zu bestehen. Den mit Schiller nämlich. Das Dichter-Denkmal steht nun mal mitten auf dem Platz, vor dem Konzerthaus. Und wenn man nicht ständig hin und her läuft, sieht ein Teil des Publikums die Künstler einfach nicht. Ein zweiter Kampf gilt es auch mit Katharine Mehrling auszutragen, denn die kleine, zierliche Sängerin singt, wie so oft, alle anderen an die Wand, selbst Frau Milster und Herrn Kollo.
Die Mehrling schmettert, was das Zeug hält, und hat dabei eine Präsenz, die fasziniert. Aber sie nimmt den anderen nicht allen Atem. Am Ende singen sie alle zusammen „Thank you for the Music“, den Abba-Klassiker. Und das Publikum summt und schunkelt mit. Und dann wird zur Musik von „Mission impossible“ unter viel Ahs und Ohs das Feuerwerk gezündet.


