Ein niedliches kleines Geschöpf, dieses grunzende Rüsseltierchen aus einer fernen Galaxie. Man krault es, man liebkost es. Und wenn man es mit einer Riesenperle füttert, dann, nun ja, das kann man kaum mit beschönigenden Worten beschreiben, dann scheißt es Perlen. Und zwar im Überfluss. Kein Wunder, dass in dem Science-Fiction-Film „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ – der am 19. Juli Berlin-Premiere feiert und einen Tag später in die Kinos kommt – ganze Galaxien hinter diesem Wesen her sind.
Dieses Wesen, ein sogenannter Transmutator, ist freilich auch eine sinnige Metapher auf das Blockbuster-Kino, das ja auch nur Geld in etwas hineinsteckt, wenn mehr wieder rauskommt. 20 Jahre nach seinem Mega-Kult „Das fünfte Element“ hat Luc Besson sich noch mal an einen Science-Fiction-Film gewagt. Da zitiert er nicht nur weidlich sich selbst, er scheint auch sonst im gesamten Genre zu plündern, von George Lucas’ „Star Wars“-Epen bis zu James Camerons „Avatar“. Ein Selbstläufer also, ein Perlen- und Geldvermehrer.

Aber nein. Man muss das alles anders erzählen. Muss mit einem Pariser Knirps beginnen, der Ende der 60er-Jahre jeden Mittwoch zum Zeitungskiosk lief, um dort ein neues Comicheft zu erstehen. Und dort eines Tages auf „Valérian et Laureline“ stieß. Eine neue Comic-Reihe von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières, in der ein Astronautenpärchen durch die Galaxien düste und allerlei Abenteuer bestand. Wobei die Heldin Laureline (die in der deutschen Version seltsamerweise Veronique hieß) – damals noch bahnbrechend – eine sehr eigensinnige, starke und wehrhafte Heldin war. Diese Comics haben auch George Lucas ein bisschen bei „Star Wars“ inspiriert, wofür er ruhig mal hätte Merci sagen können.
Der Knirps, von dem wir hier erzählen, war natürlich kein anderer als Luc Besson. Klein-Luc hat sich damals unsterblich in Laureline verliebt. Und immer davon geträumt, diese Geschichten einmal zu verfilmen. Laureline hat dann viele seiner späteren Filmprotagonistinnen inspiriert. Aber die Comics hielt Besson doch lange für unverfilmbar, weil die Technologie einfach nicht weit genug war.

Besson hat dann lieber „Das fünfte Element“ gedreht, das stark von den Comics inspiriert war, und „Valérian & Laureline“ 2007 immerhin als Cartoon-Serie fürs Fernsehen produziert. Doch dann durfte er James Cameron bei den Dreharbeiten zu seinem Sci-Fi-Epos „Avatar“ besuchen. Und dessen Effekte waren so gelungen, dass Besson sich doch noch an seinen ewigen Jungs-Traum wagte. Nun bringt er Valerian und Laureline 50 Jahre nach ihrer Comic-Geburt auf die große Leinwand. Gleich ist Besson auch schon vom selben All-Bazillus infiziert wie einst Lucas und derzeit Cameron und denkt gleich über mehrere Fortsetzungen nach.
Wobei es bei seiner Liebe für Laureline recht merkwürdig ist, warum sie im Filmtitel neben dem männlichen Helden nicht genannt wird. Bei ihren Abenteuern im 28. Jahrhundert liefern sich die beiden nicht nur Gefechte mit fiesen Feinden, sondern auch handfeste Gefechte miteinander. Mit dem Raub des letzten existierenden Transmutators – Sie erinnern sich, das Wesen mit den Perlen – wirbeln sie gehörig Staub auf und werden verfolgt. Was noch komplizierter wird, als eine vom Aussterben bedrohte Spezies, die von diesem Transmutator abhängig ist, Valerian telepathisch um Mithilfe angeht, Valerian und Laureline aber einen finsteren Kommandanten (Clive Owen) beschützen sollen, der just besagte Spezies vernichten will.

Jahrelang hat Besson mit seinem Team an den visuellen Effekten seines Epos getüftelt, hat fantastische Wesen und quietschbunte Welten entworfen. Die natürlich auch dreidimensional aufs Auge des Betrachter zielen. Mit Dane DeHaan, der immer wie Leonardo DiCaprios kleiner Bruder wirkt, und Super-Model Cara Delevingne schießt er die wohl jüngsten Raumfahrer aller Zeiten ins Kino. Der galoppierende Jugendwahn macht offensichtlich auch vor fremden Welten nicht Halt.
Auch sonst hat Besson einige Überraschungen zu bieten. Jazzmusiker Herbie Hancock etwa ist als All-Verteidigungsminister zu sehen, Ethan Hawke als schmieriger galaktischer Zuhälter. Und Popstar Rihanna gibt ihren Filmeinstand als chamäleonartiges Alien Bubble. Dem man allerdings ständig sagen muss, wie gut es sei. Als ob Rihanna das nötig hätte!

Dass „Valerian“ trotzdem nicht ganz an „Das fünfte Element“ heranreicht, liegt daran, dass die Technologie sich zwar verbessert haben mag, Besson dabei aber nicht jünger geworden ist. Und nicht mehr ganz auf der Höhe ist wie seinerzeit. Sein jüngstes All-Abenteuer ist einfach nicht mehr so camp, diesmal hat auch kein Jean-Paul Gaultier so durchgeknallte Kostüme entworfen. Dennoch hat „Valerian“ mit seinen vielfältigen Ideen und der überbordenden Fantasie weit mehr zu bieten als jede durchschnittliche Science-Fiction.
Und dann versöhnt der Film auch mit einer grundoptimistischen, völkerverbindenden Botschaft. Zu Beginn sieht man, zu den Klängen von David Bowies, die Anfänge der internationalen Raumfahrt: wie 1975 auf der Raumstation ISS amerikanische Astronauten russische Kollegen begrüßen. Dann erlebt die ISS in wenigen Sekunden immer größere Zeitsprünge in die Zukunft. Dabei begrüßen die US-Raumfahrer erst Chinesen, dann Inder und schließlich auch immer exotischere Außerirdische. Die alle mit dem gleichen Handschlag begrüßt werden. Besson entwirft da eine Utopie für den Welt(en)frieden, die der G20-Gipfel so gerne angestoßen hätte, aber schuldig blieb.


