Es gibt bei Buchautoren wohl immer den Augenblick beim Schreiben, in dem sie ihr komplettes Werk noch einmal infrage stellen. Der Moment ist selten freiwillig, er überfällt sie meist überraschend mitten im Prozess. Dann kommt die Frage: Wer soll das eigentlich lesen? Interessiert die Geschichte überhaupt jemanden? Ein bisschen so wie ein Zirkusartist, der auf einem Hochseil steht und nach unten, statt nach vorne schaut und das Gleichgewicht verliert. Womit alles wieder möglich ist – auch das Sich-fallen-Lassen, das Scheitern.

Simon Strauß, dem Autor des Buches „Sieben Nächte“ (Blumenbar, 144 Seiten), möchte man unterstellen, dass er diesen Moment nicht hatte. Gerade hat der 28-jährige Journalist und Sohn des Schriftstellers und Dramatikers Botho Strauß seinen ersten Roman veröffentlicht. In „Sieben Nächte“ erzählt er die Geschichte eines privilegiert geborenen jungen Mannes, der Angst vor dem Erwachsenwerden, vor dem Steckenbleiben in der Bequemlichkeit und einem genormten Lebensmodell hat. Wie sein Icherzähler ist auch das Leben von Simon Strauß – zumindest von den Eckdaten her – bislang ohne größere Vorfälle verlaufen. Er studierte Altertumswissenschaften in Basel, Poitiers und Cambridge, promovierte in Berlin, arbeitet jetzt in Frankfurt als Redakteur der „FAZ“. In „Sieben Nächte“ schreibt Strauß über die Möglichkeit eines intensiveren Lebens, die Sehnsucht, „sich dem Leben preiszugeben“. Immer wieder das Wort „Leben“, nicht als Synonym für die Fatalität, sondern für ein Konzept.

Aber Erlösung scheint in Sicht: Ein nicht weiter beschriebener „Bekannter“ hat mit dem Icherzähler einen Pakt geschlossen. Er muss innerhalb von sieben Nächten jeweils eine der sieben Todsünden begehen. Sprich: Er muss unter anderem wollüstig, hochmütig, faul, neidisch und gierig sein. „Weil mir die Gefahr sonst nirgends begegnet, muss ich sie selber suchen“, schreibt Strauß. Gut gebildeter junger Mann sucht Lebenssinn – das klingt stark nach einer abgespeckten Version von Faust, nur dass schon in den ersten Seiten den Leser die Vorahnung beschleicht, dass es weniger Sex and Crime als schön geschriebene Sätze geben wird. Und tatsächlich passiert auf den nächsten etwa hundert Seiten außer zivilem Ungehorsam und dem Besuch eines bordellähnlichen Etablissements nicht viel.

Simon Strauß versteht es, seinen Icherzähler vor der echten Welt zu schützen. Wie eine Barriere aus Schaumstoff hüllen sich seine poetischen Sätze zwischen ihn und die Härte und die Gerüche der Realität. So fühlt sich jedes Kapitel wie Kauen ohne Runterschlucken an. Dabei wünscht man sich nicht einmal mehr Vulgarität oder Tabubruch, sondern nur, dass es wenigstens ab und zu ein bisschen wehtut.

Wer das geschafft hat, ist übrigens ausgerechnet seine Verlagskollegin Julia Zange, die in ihrem neuesten Buch „Realitätsgewitter“ die Leere einer wohlbehüteten Generation durch einfache Worte so grausam darstellen kann, dass man es kaum aushält.

Das Debüt des Theaterkritikers Simon Strauß lässt einen dagegen wie eine missglückte Inszenierung etwas ratlos zurück. Einer, der das Buch „Sieben Nächte“ offenbar verstanden hat, ist übrigens der Moderator des Literarischen Quartetts Volker Weidermann. Er lobt das Werk auf der Buchrückseite als „zukunftsgieriges Kampfbuch“ – und noch einmal im aktuellen „Spiegel“ auf zwei Seiten. Es ist leider trotzdem nicht gut.

Lesung mit Simon Strauß
Buchhandlung Ocelot, Brunnenstr. 181, Mitte. Heute um 20.30 Uhr. Es moderiert Ijoma Mangold („Die Zeit“). Eintritt frei