Film

Der neue Spider-Man: Das Küken unter den Comic-Helden

„Spider-Man: Homecoming“ ist schon der zweite Neustart des Spinnen-Kinos. Überzeugt aber mit neuen Volten. Und einem Comic-Inzest.

Foto: © 2017 Sony Pictures Releasing GmbH

Einmal ein Held sein. Stark und edel wie die Großen. Das will auch Spider-Man. Aber wenn er einen Mann beim Aufbrechen eines Autos überwältigt, stellt sich heraus, dass das der Besitzer ist, der nur den Schlüssel verlegt hat. Bei seinen Sprüngen und Spinnweb-Seilschaften trägt es ihn öfter aus der Spur. Und beim schnellen Wechsel ins Superheldenkostüm stolpert er über sich selbst. Ein Held? Ein Tollpatsch.

„Spider-Man: Homecoming“, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, ist in nur 15 Jahren bereits der zweite Reboot der Spinnen-Comics. Nicht schon wieder, mag man reflexartig denken. Immerhin hat Tobey Maguire schon drei Mal Spinnennetze im Kino ausgeworfen, Andrew Garfield brachte es danach immerhin auf zwei.

Aber doch ist diesmal alles ein wenig anders. In „Homecoming“ wird nicht zum dritten Mal erzählt, wie der junge Peter Parker von einer radioaktiv verseuchten Spinne gebissen wird und danach Superkräfte in ihm wachsen. Das setzt man getrost als bekannt voraus.

Die erste Neuerung ist schon mal, dass der neue Darsteller, Tom Holland, deutlich jünger ist. Tobey Maguire war zu Beginn seiner Spinnerei 27, Andrew Garfield fast 30. Der Brite Holland aber, bisher vor allem aus dem Musical „Billy Elliot“ im Londoner West End bekannt, war bei den Dreharbeiten gerade mal 19. Und spielt einen 15-Jährigen, der wieder die Schulbank drückt und auch ersten Liebeskummer hat. Kevin Feige, der Chef von Marvel, will gar, dass sich die neue Spider-Man-Reihe ein bisschen an Harry Potter orientiert, nur halt mit Spinnweben statt Zauberstab. Der Wunderschüler für die Millennials.

Dann aber wird Spider-Man vor allem ins sogenannte Marvel Universe implantiert. Die Marvel-Comics haben Helden wie Thor, Iron Man und Captain America hervorgebracht und bringen sie regelmäßig als „Avengers“ zusammen. In „The First Avenger: Civil War“ hatte Spider-Man seinen ersten Auftritt (am Leipziger Flughafen), als Adlatus von Tony Stark alias Iron Man.

Jetzt kriegt die neue Spinne mit „Homecoming“ zwar einen Solo-Film, hat dabei aber keinen guten Onkel Ben mehr, der ihn das Gute und Rechte lehrt. Diese Rolle übernimmt Robert Downey Jr. als Tony Stark. Spider-Man will einer der Avengers, einer von den Großen werden, muss sich aber ständig anhören, dass er dafür noch nicht die Größe hat. Das ewige Pubertäts-Drama also, nur eben auf Superheldengröße aufgepumpt.

Der Held als Pennäler, als Küken unter den Comic-Stars: Das verleiht dem schon etwas abgelutschten Genre tatsächlich eine ungeahnte Frischzellenkur. Der Spinnenmann oder besser: das Spinnenmännchen ist der Einzige unter den Avengers, der noch die Schulbank drücken muss. Der von seinen Klassenkameraden gehänselt wird und doch nicht mit seinen Taten protzen kann. Der den kühnen Retter geben will, wobei ihm ständig etwas schiefgeht. Bis Iron Man es wieder richtet.

Wer die früheren Spider-Man-Filme mochte, dem könnte dieser Bubenstreich womöglich ein wenig sauer aufstoßen: weil Tom Holland gar zu sehr den Schussel gibt. Und auch noch eine Koboldstimme hat, als müsse er Pumuckl neu synchronisieren. Auch dass Tony Stark alias Iron Man sein Spinnenkostüm technisch upgradet, ist gewöhnungsbedürftig:

Die Spinne hat noch alles selber geschafft, jetzt spricht er mit seinem Kostümcomputer und verfügt über technische Accessoires, als sei er eher ein Iron Boy. Aber genau dieser Einfluss ist es, von dem sich der Super-Teenie freispielen und emanzipieren muss. So sieht man doch noch mal, aber eben auf ganz neue Weise, wie Spider-Man zu sich selber findet.

Die Berliner Action hat es nicht in den Film geschafft

Und noch ein Clou bietet dieser Neustart: Als Bösewicht wurde kein Geringerer als Michael Keaton gewonnen. Der hat einst selbst einen Helden gegeben, nämlich Batman. Und das in seinem oscarprämierten Film „Birdman“ kräftig parodiert.

Als Birdman hatte er kräftige Flügel, und genau die hat er jetzt auch als Vulture, ein Finsterling, der das Washington Monument zu Kleinholz und die Fähre von Staten Island in zwei Hälften zerlegen will. Ein Comic-Held, ein zweiter als Ersatzpapa und ein Ex-Held als Schurke: Das ist ja fast schon Comic-Inzest, gibt dem Ganzen aber einen Extra-Schuss Humor. Und wohltuende Selbstironie.

Klar wird es bei diesem einen Einsatz nicht bleiben. Weitere Solo-Filme sind in Planung, zunächst kehrt Hollands Spidey aber im nächsten Avengers-Film „Infinity War“ zurück. Dann doch als Teil der Großen. Den größten Kampf hat er aber mit einer Comicfigur aus einem anderen Universum auszutragen: mit Wonder Woman aus den DC-Comics, die derzeit im Kino ebenfalls den Comic-Film auffrischt.

Schade nur, dass es von den Szenen, die vergangenen Oktober in Berlin gedreht wurden, so wenige in den Film geschafft haben. Peter Parker fährt zwar auf Schulreise in die deutsche Hauptstadt und darf hier auch selber Handyfilme auf dem Maritim-Hotel oder am Pariser Platz drehen. Die Szene aber, in der er im Superheldenkostüm auf dem Dach eines BVG-Doppeldeckers aufs Brandenburger Tor zufährt, und von der es zumindest Fotos vom Dreh gibt, die ist wohl der Schere zum Opfer gefallen. Vielleicht taucht sie ja noch in einem der nächsten Filme auf. Wär’ doch schade drum.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.