Es ist die Saison der Abschiede. Und, damit verbunden, die der großen Gesten. Der Kniefall von Claus Peymann im Berliner Ensemble (BE). Der herunterfahrende Eiserne Vorhang am Ende von „Pfusch“, der letzten Fritsch-Premiere an der Volksbühne. Das Aussperren von Chris Dercon, dem neuen Mann am Rosa-Luxemburg-Platz. Der Streit ums „Räuberrad“. Und zwischen Verbalattacken und Aufbruchs-Pressekonferenzen: überbordende finale Inszenierungen wie Frank Castorfs „Faust“, bunte Servusabende wie „Die Danksager“ und bedeutungsschwere Titel wie „Endspiel“. Ein Rückblick auf die Theaterspielzeit.
Claus Peymann hat einiges getan, um nicht vergessen zu werden. Er hat Kulturpolitiker und seinen Nachfolger beschimpft. Er hat sich beim Berliner Theatertreffen im Mai allabendlich auf einen Stuhl neben dem Büchertisch mit seinen drei Abschiedswerken gesetzt. Ob das die Verkaufszahlen nach oben getrieben hat? Auf jeden Fall hat er ein Bild geschaffen, das bleibt. So wie mit dem Kniefall am Ende des „Prinzen von Homburg“, seiner letzten Inszenierung am BE. Sein theatralischer Dank ans Ensemble, an die Zuschauer. Dokumentiert vom Fernsehen – und möglicherweise auch dafür inszeniert. Theatermacher dürfen das, sie machen ja lebenslang nichts anderes.
Ein Neuanfang mit frischen Stoffen und Ideen
Auch künstlerisch hat Peymann, der 1999 vom Wiener Burgtheater kam, mit dem „Homburg“ noch mal ein Ausrufezeichen gesetzt. Und damit den Nachfolger zu einer freundlichen Geste bewegt: Oliver Reese übernimmt die Aufführung seines Vorgängers neben vier weiteren, darunter dem „Endspiel“ von Robert Wilson. Wissend, dass das eigene Programm stark genug ist, denn nach Jahren der Erwartbarkeit freut man sich am Berliner Ensemble auf einen Neuanfang mit frischen Stoffen, Ideen und Akteuren.
Anders an der Volksbühne. Obwohl die Ära Castorf, der 1992 anfing, noch ein bisschen länger ist als die des Kollegen vom Berliner Ensemble. Die Volksbühne entwickelte sich zu einem die Ästhetik des Gegenwartstheaters prägenden Ort, irgendwann folgten Jahre der Stagnation, bevor sich das Theater mit den Regisseuren René Pollesch und Herbert Fritsch wieder breiter aufstellte. Und ein jüngeres Publikum erneut den Reizen von Castorf-Inszenierungen erlag, die etwas von einer ausufernden, klassischen katholischen Messe haben, inklusive eines Hauchs von Unverständlichkeit.
Jeden Abend eine Abschiedsinszenierung
Dass jetzt ausgerechnet die beiden Theater-Dinosaurier-Abgänge in eine Saison fallen, dass Dernière auf Dernière folgt – inklusive Tränen und stehenden Ovationen – für diese Dramaturgie zeichnet die Kulturverwaltung verantwortlich. Denn eigentlich sollte der Abschied von Castorf bereits ein Jahr vorher über die Bühne gehen, aber zu dem Zeitpunkt stand offenbar kein Nachfolger bereit, der das schwere Erbe antreten wollte.
Schließlich wurde mit Chris Dercon ein Mann aus dem Kunstbetrieb geholt. Deutsche Willkommenskultur hat der gebürtige Belgier in Berlin nicht erfahren dürfen, ihm schlug überwiegend Ablehnung entgegen. Die kulturpolitischen Väter dieser Entscheidung kümmern sich mittlerweile um andere Dinge, der ehemalige Kulturstaatssekretär Tim Renner kandidiert für den Bundestag und der Regierende Bürgermeister Michael Müller hat nach der letzten Wahl die Zuständigkeit für Kultur abgegeben.
Die Neuausrichtung gleich an zwei Staatstheatern hat Auswirkungen auf die anderen großen Häuser, der Theaterbetrieb ist ja recht überschaubar. Regisseur Michael Thalheimer, ein langjähriger Weggefährte von Oliver Reese, begleitet den neuen Intendanten ans Berliner Ensemble – und beendet damit seine Tätigkeit an der Schaubühne. Den freien Platz dort nimmt Herbert Fritsch ein, der seine Schauspieltruppe von der Volksbühne mitbringt. Ulrich Khuon, dessen Intendanten-Vertrag am Deutschen Theater kürzlich bis 2022 verlängert wurde, kompensiert Abgänge im Ensemble auch mit Neuverpflichtungen von der Schaubühne – und kündigt schon mal eine Zusammenarbeit mit René Pollesch – bislang Volksbühne – an.
Immer wieder werden auch Gipfel erklommen
Vielfältige Regiehandschriften und ein hochkarätiges Ensemble zeichnen das Deutsche Theater (DT) aus, einer der Höhepunkte dieser Saison war Stefan Puchers so intelligente wie spektakuläre „Marat/Sade“-Inszenierung. Und mit dem Schweizer Thom Luz und dessen entfernt an Christoph-Marthaler-Arbeiten erinnerndes Vergänglichkeitsspiel „Der Mensch erscheint im Holozän“ hat das DT einen spannenden jungen Regisseur im Repertoire, der in diesem Jahr zum Theatertreffen eingeladen war.
Natürlich ist das keine Erfolgsgarantie – die hat man naturgemäß im Theater nie. Mit Spannung erwartet wurde das Debüt des hoch gehandelten Regisseurs Ersan Mondtag am Maxim Gorki Theater. Sein „Ödipus und Antigone“ wirkte zwar bildgewaltig, aber seltsam uninspiriert. Ansonsten ging das Gorki in dieser Saison den vor drei Jahren mit der neuen Intendanz eingeschlagenen Weg weiter; die Mühen der Ebene sind spürbar, aber immer wieder werden auch Gipfel erklommen.
Das trifft ein bisschen auch auf die Schaubühne zu. Im Zentrum standen dort gefühlt die Arbeiten des künstlerischen Leiters Thomas Ostermeier, sein „Professor Bernhardi“ ist ein schönes Beispiel einer gelungenen Ensembleleistung. Ums Zentrum kreisen politische Arbeiten wie Milo Raus „Die Geschichte des Maschinengewehrs“ oder Grotesk-trashiges wie „Peng“ von Marius von Mayenburg. Für eine Einladung zum Theatertreffen hat es zwar wieder nicht gereicht. Die Hoffnung dürften auf Herbert Fritsch ruhen – schließlich ist der in den vergangenen Jahren verlässlich eingeladen worden.


