Wahrzeichen

Streit um Räuberrad der Volksbühne - Der Showdown naht

Die Volksbühne will am 1. Juli das Räuberrad, das Wahrzeichen der Ära Castorf, abbauen lassen. Aber es gibt Gegenwehr.

Die Rad-Skulptur des Bühnenbildners Bert Neumann ist seit den 90er-Jahren das Wahrzeichen der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Die Rad-Skulptur des Bühnenbildners Bert Neumann ist seit den 90er-Jahren das Wahrzeichen der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Foto: dpa Picture-Alliance / Jan Scheunert / picture alliance / ZUMAPRESS.com

Es ist eine Räuberpistole zum Abschluss der Ära Frank Castorf. Im Zentrum des Theaterstreits steht das Wahrzeichen der Volksbühne auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, das der neue Intendant Chris Dercon im August partout nicht übernehmen soll. Am 1. Juli, also dem Tag, an dem mit einem großen Straßenfest Abschied von der alten Volksbühne gefeiert wird, soll auch das Räuberrad von Bert Neumann entfernt werden. So Frank Castorf es will. Der Abbau ist eine offizielle Ansage aus dem Haus. Das aber möchte die Erbengemeinschaft des 2015 verstorbenen Bühnenbildners und langjährigen Castorf-Weggefährten Bert Neumann mit allen Mitteln verhindern.

„Es gibt keinen vernünftigen Grund für den Abbau“, sagt der Berliner Anwalt Jakob Braeuer: „Wir fordern für die Erben des verstorbenen Künstlers und Bühnenbildners Bert Neumanns den Erhalt der Rad-Skulptur auf dem Platz vor der Volksbühne.“ Die Kanzlei Bauschke Braeuer vertritt die Witwe Lenore Blievernicht-Neumann und Sohn Leonard Neumann. Die seit Wochen geführten Verhandlungen offenbaren beiläufig, dass es auch einen Riss quer durch die alte Volksbühnen-Mannschaft gibt. Am Ende der Ära Castorf gehen frühere Weggefährten doch getrennte Wege. Und wenn es sein muss bis vor Gericht.

Castorf will die Rad-Skulptur nach Avignon mitnehmen

Bert Neumann hatte das laufende Rad bereits 1990 für die Castorf’sche „Räuber“-Inszenierung entworfen. Vier Jahre später wurde die vom Schweizer Designer Rainer Haußmann gebaute Plastik, die damals rund 22.000 Mark gekostet haben soll, auf der Grünfläche vor dem Theater aufgestellt. Seither ist sie ein Markenzeichen der Volksbühne und natürlich auch Frank Castorfs. Als Logo ist das an einen Gaunerzinken erinnernde Laufrad auf Programmheften oder Streichholzschachteln zu sehen. Zum Abschied seiner Berliner Ära wollte Castorf die Plastik nach Frankreich rollen und dort öffentlich zu Grabe tragen lassen. Im Juli zeigt Castorf auf dem Festival von Avignon seine Inszenierung „Die Kabale der Scheinheiligen“.

Eine Ausstellung der Skulptur in Avignon verstoße gegen das Urheberrecht, mahnte die Gegenseite bereits im Mai an. Bert Neumann war der alleinige Urheber der Skulptur. Einer Ausstellung des Kunstwerks in Avignon würden die Erben nicht zustimmen, teilte die Kanzlei mit. „Das Rad nimmt eine zentrale Stellung im Werk Bert Neumanns ein“, sagt Jakob Braeuer am Mittwoch auf Nachfrage: „Wir sehen uns nicht nur dem Andenken an Bert Neumann verpflichtet, sondern auch dem Erhalt eines Zeichens für das Wirken aller weiteren Personen, die zum großen Erfolg der Volksbühne der vergangenen 25 Jahre beigetragen haben. Dieser Erfolg ist keine Einzelleistung.“

Aber die Streitigkeiten sind eben auch Teil der kulturpolitischen Gemengelage rund um die Volksbühne. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) ist ein bekennender Castorf-Anhänger und hat mit seinem Nachfolger Chris Dercon wenig am Hut. Lederer hat Castorf in der Angelegenheit der Rad-Skulptur offenbar viel Spielraum gelassen. Die letzte offizielle Sprachregelung war, dass der Senator nicht entscheide, was mit der Plastik passiere. Man halte sich aus den „Suchprozessen“ heraus, hieß es, „solange alles nach Recht und Gesetz zugeht“. Bislang verhandelte die Anwaltskanzlei mit der Volksbühne als Vertreter des Eigentümers direkt. Denn genau genommen ist das Theater als nachgeordnete Einrichtung nicht der Eigentümer der Plastik, sondern das Land Berlin. Inzwischen muss sich die Kulturbehörde doch in die Verhandlungen einschalten. Am Freitag will der Neumann-Anwalt ein Gespräch mit Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert führen.

Das letzte Angebot seitens der Volksbühne sah vor, dass die schwere Rad-Skulptur nach Avignon gebracht wird. Anschließend soll sie im Berliner Stadtmuseum eingelagert werden, bis Frank Castorf zustimmt, sie wieder hervorzuholen.

Die Erben pochen auf den Standort vor der Volksbühne

Die Neumann-Erben pochen darauf, dass es sich bei der Rad-Skulptur um ein absolut ortsspezifisches Kunstwerk handelt. Ein Aufbau an anderer Stelle sei eine urheberrechtlich relevante Umgestaltung. Dem müssten sie zustimmen. „Kaum einer anderen Skulptur im öffentlichen Raum Berlins wird eine vergleichbare Aufmerksamkeit zuteil“, sagt Braeuer: „Mit dem Abbau der Skulptur wäre ein wichtiges Symbol für das kulturelle Schaffen in der zusammenwachsenden Stadt Berlin verloren.“ Er glaubt, dass die Mehrheit der Volksbühnen-Mitarbeiter das ähnlich sieht. Und der neue Intendant Chris Dercon, der sich aus dem Streit heraushält, sagte bereits, die Mitarbeiter sollten darüber entscheiden.

Die Zeit für Verhandlungen wird langsam knapp. Falls es keine einvernehmliche Lösung gibt, so Braeuer, „wären wir gezwungen, vor Gericht einstweiligen Rechtsschutz zu beantragen“. Dann kommt das Räuberrad vor Gericht. Das Urheberrecht, muss man wissen, ließe sich am besten umgehen, wenn das Land Berlin die Plastik still und heimlich abreißen und verschwinden ließe. Das wäre zwar rechtens, aber dann hätte Berlin einen neuen Skandal.