Gleich am Anfang zerschießen radikalisierte Kämpfer eine antike Stätte im Irak. Tom Cruise beobachtet das von einem Hügel aus. Steigt aufs Pferd und reitet mitten hinein. Sieht aus wie ein neuer Teil von „Mission: Impossible“, in dem er es mit dem IS aufnehmen will.

Aber im Gegenteil: Der Hollywoodstar ist hier kein Agent in unmöglicher Situation, er ist noch nicht mal ein Held. Sondern ein ziemlich selbstsüchtiger, ziemlich verantwortungsloser Hallodri, der das Kulturerbe nicht etwa erhalten, sondern selbst plündern will. Das ist also ein ganz anderer Cruise, als wir ihn kennen. Und das ist nur eine Überraschung in dieser Neuverfilmung von „Die Mumie“, die am heutigen Donnerstag ins Kino kommt.

Der Mumienfilm ist selbst eine Mumie

Der Mumienfilm ist ja inzwischen selbst eine verwesende Mumie, die immer mal wieder aus der Kinomottenkiste geholt wird. Und der immer wieder neues Leben eingehaucht werden muss. Zuletzt wurde „Die Mumie“ vor 18 Jahren neu aufgelegt, mit Brendan Fraser und digitalen Effekten, wobei der Stoff zwar zum Kintopp-Klamauk verkam, der sich nie ernst nahm, es aber (dennoch? oder gerade deshalb?) auf zwei Fortsetzungen schaffte.

In der jüngsten, nun auch 3D-Version ist alles anders. Der Fluch aus der Vorzeit kommt nicht mehr direkt aus Ägypten. Die Mumie wird diesmal in Mesopotamien, also im Irak geborgen. Ein zweiter wichtiger Fund, von Kreuzrittern einst nach Britannien gebracht, wird gar beim Bohren eines U-Bahn-Tunnels mitten in London freigelegt.

Vorsicht: In diesem Sarkophag steckt nichts Gutes
Vorsicht: In diesem Sarkophag steckt nichts Gutes © Universal Pictures | Universal Pictures

Das ist auch schon die zweite Neuerung: „Die Mumie“ spielt nicht mehr, wie die alten Filme, in den 20er-Jahren, also zur Zeit der Bergung des Grabs von Tutanchamun und dem damit verbundenen „Fluch des Pharao“. Diese „Mumie“ spielt in der Gegenwart. Und die Titelfigur ist mal kein Pharao, der wegen Frevels lebendig in den Sarkophag gesperrt wurde, sondern – so viel Quote lässt das Mainstream-Kino immerhin zu – eine Frau. Ahmanet (Sofia Boutella) wurde gerade noch daran gehindert, als sie einen faustischen Pakt eingehen und einen Mann opfern wollte, damit Seth, der Gott des Todes, dessen Gestalt annehmen konnte.

5000 Jahre war Ruhe. Aber nun kommt Cruise als Schatzplünderer Nick Morton. Der durch Zufall auf das Gefängnisgrab dieser mumifizierten Pharaonentochter stößt. Trotz aller Warnung und voller Übermut sprengt er die Ketten des Sarkophags. Und öffnet die Büchse der Pandora. Weil Morton der erste Mann ist, den die aus dem Jahrtausendschlaf gerissene Mumie sieht, hat sie es fortan auf ihn abgesehen. Da kann Cruise untertauchen, weglaufen oder davonfliegen, so viel er will. „Ich habe“, so weiß er bald selbst, „das Böse im Kopf.“

Wehe, wenn sie losgelassen: Sofia Boutella als Ahmanet
Wehe, wenn sie losgelassen: Sofia Boutella als Ahmanet © Universal Pictures | Universal Pictures

Das ist in der Tat ein mutiger Akt für den Star. Sonst gibt Cruise ja allzu oft und allzu verbissen den Helden, muss dabei auch immer wieder, trotz seiner mittlerweile 54 Lenze, beweisen, dass er es als Action-Held körperlich noch immer drauf hat. In „Die Mumie“ ist er dagegen in einer seiner eher seltenen komödiantischen Rollen zu sehen. Und spielt nicht nur mit seinem Image, sondern kratzt mit Lust daran.

Wie ein Elefant im Porzellanladen löst er hier eine Katastrophe nach der anderen aus. Auch sein Sex Appeal wird dabei gehörig in Zweifel gezogen, vor allem von Annabelle Wallis als schöne Wissenschaftlerin an seiner Seite. Die einzige, die ihn „haben“ will, ist die Mumie mit dem schlechten Karma. Und Russell Crowe, der zweite Star des Films, der eine ziemlich zwielichtige Rolle spielt, darf ihn sogar als „Junger Mann“ ermahnen – obwohl er ein Jahr jünger ist als der Kollege. Das Drehbuch ist ganz auf Cruise zugeschnitten. Nicht wenige Gags gehen auf seine Kosten. Und der Star glänzt dabei mit einer an ihm sonst selten zu beobachtenden Fähigkeit zur Selbstironie. Die Fans wird es entzücken.

Wer ist der Ältere: Tom Cruise (l.) und Co-Star Russel Croew
Wer ist der Ältere: Tom Cruise (l.) und Co-Star Russel Croew © Universal Pictures | Universal Pictures

Der Film bietet freilich auch denen Interpretationsspielräume, die Tom Cruise nicht so zugetan sind. Wenn sein Abenteurer ständig klagt, er habe „das Böse im Kopf“ und andere ihn warnen, er solle das Gefäß des ultimativ Bösen, das Geschöpf einer dunklen Macht werden, dann braucht man keine allzu blühende Fantasie, um darin auch eine Metapher auf Cruises umstrittene Tätigkeit bei Scientology zu erkennen. Eine, die sicher nicht intendiert war, dem Film aber eine interessante zweite Ebene verleiht.

Sollte dem Film Erfolg beschieden sein – und das ist zu erwarten, trotz der fragwürdigen Botschaft, dass es manchmal ein Monster braucht, um ein Monster zu bekämpfen –, dann könnte auch diese „Mumie“, wie der Vorgänger vor 18 Jahren, in Serie gehen. Das Filmstudio jedenfalls plant schon ein ganzes Universum. Gerade dreht Cruise aber erst mal „Mission: Impossible 6“. Und dann soll ja auch noch eine lang angekündigte Fortsetzung von „Top Gun“ endlich umgesetzt werden. Scheint, als wolle Cruise seine Legende auf immer mehr Serien ausweiten.