Kultur

Denis Kozhukhin ganz im Einklang mit Barenboim

Der russische Pianist begeistert im Pierre Boulez Saal

Beunruhigendes gibt es über Starpianist Lang Lang zu vermelden: Wegen einer Entzündung im linken Arm, so die offizielle Erklärung, pausiert der Chinese bereits seit mehreren Monaten. Seine geplanten Mai-Auftritte im Pierre Boulez Saal musste er ebenso absagen wie nun das Konzert mit der Staatskapelle in der Philharmonie. Doch Daniel Barenboim, der eigentlich seine Rachmaninoff-Klavierkonzert-Reihe mit Lang Lang fortsetzen wollte, konnte einen mehr als adäquaten Ersatz finden: Denis Kozhukhin, jenen russischen Pianisten, der vor zwei Jahren schon einiges Aufsehen erregt hatte, als er bei Barenboims Staatsopern-Festtagen für Martha Argerich eingesprungen war. Seither scheint der 30-Jährige das Vertrauen des Maes­tros zu genießen, denn er gehört zu den musikalischen Freunden, die Barenboim gern in den Boulez-Saal einlädt. Dass Kozhukhin allerdings innerhalb kurzer Zeit in der Lage ist, Rachmaninoffs hierzulande nahezu unbekanntes, schwieriges erstes Klavierkonzert aus dem Ärmel zu schütteln, sorgt für Verwunderung.

Verglichen mit seinen Kollegen Igor Levit und Daniil Trifonov, die auch aus Nischni Nowgorod stammen, ist Kozhukhin fast unbekannt, obwohl ihm der Gewinn des Brüsseler Reine Elisabeth-Wettbewerbs 2010 viele Türen öffnete. Vor zwei Jahren meinte man zu verstehen, warum er länger als seine schillernden Kollegen braucht, um sich international durchzusetzen. Als Argerich-Ersatz hatte er jede publikumswirksame Selbstinszenierung verweigert.

Diesmal nun zeigt der Pianist sein zweites Gesicht, das des raubtierhaften Virtuosen. Schon der Einstieg in dieses fis-Moll-Rachmaninoff-Konzert, eine überdrehte Mischung aus Tschaikowsky-Schicksalsfanfaren und Grieg-Anfangsattacke, gelingt dem Pianisten mitreißend: durch Hals-über-Kopf-Tempi, die an die legendären Rachmaninoff-Aufnahmen des Amerikaners Earl Wild erinnern. Dabei ist Kozhukhin kein Heißsporn, und auch sein lautstarkes Fauchen und Keuchen in höchster Fortissimo-Erregung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, wie intelligent und differenziert sein Klavierspiel ist. Je nach Bedarf kann Kozhukhin kräftig zupacken, lyrische Wärme erzeugen oder mit Klarheit faszinieren. Er führt die Staatskapelle zu jedem Zeitpunkt selbstbewusst an. Das ist gut so. Denn das Orchester zeigt mitunter Unsicherheiten, die es mit dunkler Bedeutungsschwere zu überdecken sucht.

Doch dies ist angesichts der übrigen drei probenintensiven Programmpunkte leicht zu verschmerzen: Neben Debussys „Trois Nocturnes“ und Ravels unverwüstlichem „Boléro“ steht auch die Uraufführung von Harrison Birtwistles „Deep Time“ an, eine atonale, archaisch fundierte Klanglandschaft.

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