Die „Zeiten des abnehmenden Lichts“, das meint eigentlich nur eine ferne Erinnerung. Und zwar die einer aus Russland stammenden Großmutter an jene Tage des Frühherbstes, als auf den Feldern im Ural das Kartoffelkraut brannte und sich in den länger werdenden Schatten ein langer Winter anzukündigen begann. Wie viele gute Buchtitel ist auch jener des 2011 erschienenen Romans von Eugen Ruge mehrdeutig: Er lässt Heimatgefühle anklingen und Abschiedsschmerz, beschreibt aber auch den Verlust von Idealen.

Letzteres ist das Leitmotiv des vielfach ausgezeichneten Buches. Eugen Ruge spannt seinen erzählerischen Bogen über vier Generationen: von den Großeltern, begeistert von der kommunistischen Idee und im sowjetischen Arbeitslager ihrer Illusionen beraubt, den Vater mit seiner Karriere in der Pankower Politbürokratie, den Sohn mit seiner schon spürbaren, aber noch angepassten Entfremdung vom Sozialismus bis hin zum Enkel, dem nur noch die Flucht in den Westen bleibt.

Große Altersglanzrolle: Bruno Ganz als Jubilar
Große Altersglanzrolle: Bruno Ganz als Jubilar © X Verleih | Hannes Hubach

So wunderbar lebensecht und vor allem für Westdeutsche erhellend sich das auch las, so sehr musste man sich doch vor der Version auf der Leinwand fürchten. Zu oft ist der Versuch großer Erzählungen über unser 20. Jahrhundert doch in den letzten Jahren im kitschigen Morast stecken geblieben, zu oft vermochte die liebevolle Ausstattung die inhaltliche Leere nicht zu überdecken. Und dann auch noch eine Geschichte, die einen so großen Zeitraum umfasst? Drohten da nicht Parforceritt und Nummernrevue?

Wer so dachte, den konnten schon die Namen von Regisseur und Drehbuchautor ein bisschen beruhigen. Mit Matti Geschonneck und Wolfgang Kohlhaase fanden sich da zwei, die sich schon vielfach bewiesen haben auf dem Feld zeithistorischen Erzählens – und die zudem die DDR am eigenen Leibe erleben, oft auch ertragen mussten. Der Ostalgie-Verdacht schien damit schon deutlich abwegiger. Wie aber mit der Masse an Jahrzehnten umgehen, die Eugen Ruge vorgegeben hat?

Wenn eine Idee zur Lebenslast wird

Mit der, man muss es so deutlich sagen, brillanten Idee, das Epos auf einen einzigen Tag zu kondensieren. Genauer: Auf den 90. Geburtstag Wilhelm Powileits (Bruno Ganz), dem Familienoberhaupt und Stalinisten alter Schule, in der DDR mit der Staatsführung bestens arrangiert. Die hohe Kunst des ganzen Films – die der klugen Auslassung nämlich – kann man schon anhand dieser Figur studieren: Der Roman erzählt von seinem mexikanischen Exil während der Kriegszeit und von der Arbeit für den Geheimdienst der Komintern in Hamburg.

Geschonnek reicht eine einzige Szene, um das alles so präzise anzudeuten, dass ein ganzes Leben sichtbar wird: Powileit kramt in einer Blechschachtel, in der sich neben sowjetischen Abzeichen und sonstigen Memorabilia auch der fast immer gleiche ­Zeitungsausschnitt befindet: Glückwünsche der örtlichen Parteizeitung für den verdienten Genossen zum runden Geburtstag – zum 60., zum 70., zum 80. Erst der Aufbruch ins Ungewisse, dann der ewige Stillstand der sozialistischen Tristesse.

Sylvester Groth und Alexander Fehling als Sohn und Enkel Powileit
Sylvester Groth und Alexander Fehling als Sohn und Enkel Powileit © X Verleih | Hannes Hubach

Es ist der 1. Oktober 1989, und der von Bruno Ganz so wunderbar mürrisch gespielte Wilhelm Powileit hat auf diesen Geburtstag gar keine Lust. Eine Batterie beschrifteter Vasen ist aufgestellt für all die Parteiflöten, die im Laufe des Tages vorbeikommen werden – das Wohnzimmer gleicht einer Aussegnungshalle, in der die Gäste kondolieren. Und dann ist da noch die eine Sache mit dem Enkel Sascha (Alexander Fehling). Und die mit dem Tisch.

Von Sascha raunt man sich nur zu, dass er ausgerechnet am Geburtstag des Großvaters in den Westen rübergemacht hat. Sein Vater Kurt (Sylvester Groth) erfährt gleich zu Beginn des Films davon – und würde das seinem Stiefvater am liebsten gar nicht erzählen. Aber da ist eben noch die andere Sache, die mit dem Tisch.

Ein Geburtstag wie eine Bestattung

Der alte Powileit nennt ihn den „Nazi-Tisch“, ein Monstrum von Esstisch, das natürlich auch eine etwas plumpe Metapher ist für die Geschichte, die uns hier erzählt wird. Nur Sascha kommt mit der Ausziehtechnik des Trumms zurecht, und so fällt es nun allen besonders auf, dass er nicht da ist. Mit der Wut eines Mannes, der das Zerbröseln seiner Glaubenssätze wegschlagen möchte, hämmert Powileit einfach ein paar Nägel hinein. Wird schon halten, irgendwie. Natürlich wird er das nicht, nichts hält mehr in dieser Zeit, alles zerbricht, auch dieser Tisch, beladen mit Buletten, russischen Eiern und Würstchen.

Ja, das hat man irgendwann verstanden und soviel symbolisches Gebimmel bräuchte dieser Film gar nicht, der sich sonst so gut darauf versteht, die leisen Töne anzuschlagen. Der ganz nebenbei die traurige Routine einer Ehe schildert, deren Zeit schon lange vorbei ist. Der bis in die Nebenrollen – Angela Winkler etwa oder Thorsten Merten – erstklassig besetzt ist. „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ handelt von der jahrzehntelangen Implosion einer Idee, eingefangen in einem einzigen Tag. So kluge, schöne Literaturverfilmungen sind leider eine Seltenheit.