Film

Das Spektakel des Moments: "Pirates of the Carribean 5"

Die „Fluch der Karibik“-Reihe war schon etwas ausgelutscht. Der neue Teil macht aber echt Spaß. Wenn man richtig an die Sache rangeht.

Hier wird wieder reichlich Seemannsgarn gesponne: Jack Sparrow (Johnny Depp, l.) und die schöne Carina Smyth (Kaya Scodelario)

Hier wird wieder reichlich Seemannsgarn gesponne: Jack Sparrow (Johnny Depp, l.) und die schöne Carina Smyth (Kaya Scodelario)

Foto: Peter Mountain / Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved

In der vielleicht lustigsten Szene dieses Films soll Captain Jack Sparrow alias Johnny Depp guillotiniert werden. Er weiß gar nicht, was das ist, eine Guillotine, und wird belehrt, dabei handle es sich um eine neue Erfindung aus Frankreich. Sparrow ist beeindruckt und fühlt sich geehrt. Man führt ihn also aufs Schafott und schnallt ihn am Brett fest, das Gesicht nach unten. "Mein Korb ist voll", sagt Sparrow, der im Auffangbehälter bereits zwei abgetrennte Köpfe erblickt.

Dann passieren ein paar irre Dinge, die wir hier nicht im Detail verraten wollen. Die aber dazu führen, dass sich das Schafott plötzlich zu drehen beginnt wie ein riesiges Hamsterrad, in dessen Mitte Sparrow immer wieder schreckensstarr das Fallbeil auf sich zurasen sieht, bevor es dann von der Schwerkraft daran gehindert wird, ihn zu enthaupten. Im Kinosaal führte diese Szene zu einem Gelächter, das man in dieser Lautstärke dort selten hört.

Man muss natürlich seine Erwartungen justieren, bevor man sich diesen fünften Teil der "Fluch der Karibik"-Reihe, "Pirates of the Caribbean: Salazars Rache" ansieht. Psychologische Tiefe der Charaktere, eine gehaltvolle Dramaturgie, fein ausgesponnene Fäden der Handlung? Wer diese Kategorien hier ernsthaft anwenden will, wird davon genauso viel haben wie ein Automechaniker, der mit dem Chirurgenbesteck zu Werke geht: gar nichts.

Denn alle Figuren, Jack Sparrow eingeschlossen, gleichen seit Beginn der Filmreihe eher schlichten Comicfiguren als leibhaftigen Menschen; die Dramaturgie besteht immer im Kampf der Sympathischen gegen das lupenrein Böse, und die wirren Handlungsfragmente der Filme dienen allein dazu, diesen Kampf so zu verkomplizieren, dass er Spielfilmlänge erreicht. Mit den klassischen Parametern der Filmkritik wird man dieser Produktion also nicht die geringste Qualität bescheinigen können.

Wie aber dann den enormen Erfolg dieser Reihe erklären, die auf der Liste der einnahmenstärksten Sequels aller Zeiten auf Platz vier rangiert und dem Disney-Konzern schon zweimal Einspielergebnisse im vierstelligen Millionenbereich bescherte? Mit einer Publikumsbeschimpfung, wonach die Masse eben nicht wisse, was wirklich gut sei? Das würde wenig über den Film sagen und viel über die Hilflosigkeit des Kritikers.

Nicht cineastische Meisterwerke sind hier der Vergleichsmaßstab, sondern Fahrgeschäfte wie Achter- und Geisterbahnen, wie man sie von Rummelplätzen kennt – nicht ganz zufällig basiert die Reihe ja auch genau darauf, nämlich auf einer Themenfahrt in den Disneyland-Filialen von Kalifornien bis Paris. Man steigt ein, und wenn man sich darauf einlässt, kann man Spaß dabei haben, und wenn es vorbei ist, bleibt wenig Erinnerung zurück.

Im Zeitraffer stattfindende Verwesung

Worum geht es nun also im fünften Teil? Natürlich wieder um Zombiepiraten, die den Lebenden den Garaus machen wollen. In ihrer Mitte sehen wir den mordlustigen Captain Salazar (Javier Bardem), der als stolzer Flottenkapitän von Jack Sparrow vor vielen Jahren in das berüchtigte "Teufels-Dreieck" gelotst wurde und dort mitsamt seiner Truppe zum Untoten mutierte. Die Animationstechnik macht es inzwischen eindrucksvoll möglich, den fortschreitenden Prozess der Auflösung der Zombies sichtbar zu machen. Salazar, dem Bardem seine schon vielfach auf der Leinwand erprobte Dämonie verleiht, steht immer in einer Wolke eigener Körperpartikel, die dem Zuschauer dank 3D fast direkt ins Gesicht zu fliegen scheinen. Er ist im Zeitraffer stattfindende Verwesung.

Jack Sparrow jedenfalls, der sich zu diesem Zeitpunkt mit ziemlich spektakulärer Bankräuberei durchs Leben schlägt, hat nur eine Möglichkeit, den Erzfeind zu besiegen: Er muss den "Dreizack des Poseidon" finden, ein magisches Artefakt, das seinem Besitzer die Kontrolle über die Meere verleiht und den Fluch brechen kann, der Salazar so böse gemacht hat. Unterstützung findet er in der klugen Astronomin Carina Smyth (Kaya Scodelario), deren Vater Aufzeichnungen zum Standort des Dreizacks hinterlassen hat - und in dem schon aus vorigen Teilen bekannten, immer etwas zwielichtigen Hector Barbossa (Geoffrey Rush).

Und das ist, man muss es sagen, für den Großteil der 128 Minuten dann doch ein erstaunlich großer Spaß. Es ist der erste Teil der Reihe, der nicht von Ted Elliott und Terry Rossio geschrieben wurde, aber Drehbuchautor Jeff Nathanson tritt stilsicher in ihre Fußstapfen und zeigt dabei kein kleines Talent für bizarre Dialoge und wilden Klamauk. Sparrows wie immer leicht tuntige Versoffenheit, dazu spektakuläre Bilder und wilde Spezialeffekte - viel mehr braucht es nicht, damit man sich als Fan der "Fluch der Karibik"-Reihe wieder wie zu Hause fühlt.

Da wird das Meer geteilt wie von Moses im Alten Testament, da vollführen Zweimaster physikalisch unmögliche Ausweichmanöver, da wird anstelle eines Tresors gleich ein ganzes Bankgebäude von Pferden durch die Stadt gezogen, da wird die riesige Gallionsfigur des Geisterschiffes plötzlich lebendig und stürzt sich auf Jack Sparrow – und am Ende sehen wir sich küssende Paare im Sonnenuntergang und hören noch einen mokanten Spruch dazu.

Das alles kann man hier sorglos verraten, weil es sowieso jeder vorhersehen kann. Das Geheimnis einer Achterbahnfahrt liegt ja auch nicht in ihrer Unberechenbarkeit, sondern darin, dass sie verlässlich ist. Sie schüttelt einen kurz durch und setzt Endorphine frei, weil man dafür bezahlt hat und genau das von ihr will. So ist es auch mit diesem Film. Das Popcorngeraschel vom Nachbarplatz stört hier nicht wie sonst so oft im Kino, es ist Teil des Erlebnisses. "Der Fluch der Karibik - Salazars Rache" macht Spaß in dem Moment, in dem er stattfindet. Danach bleibt wenig Erinnerung.

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