Film

So viele Stars, so wenig Mehrwert: "Song To Song"

Terrence Malick gilt als Kultregisseur. Er hat eine ureigene Ästhetik erschaffen. Diesmal führt er sie allerdings ad absurdum.

Ein Bild, das Bände spricht: Den Plattenproduzenten (Michael Fassbender) und seine Geliebte (Rooney Mara) trennt eine dicke Wand

Ein Bild, das Bände spricht: Den Plattenproduzenten (Michael Fassbender) und seine Geliebte (Rooney Mara) trennt eine dicke Wand

Foto: Studiocanal

Kunst oder Kitsch? Pantheismus oder Küchenphilosophie? Terrence Malick spaltet wie kaum ein anderer Filmregisseur. Dabei genießt er einen Kultstatus wie sonst nur Woody Allen: Wenn er ruft, stehen die Stars Schlange. Und das, obwohl sein Nimbus lange nur auf zwei frühe Filme gründete – und der Tatsache, dass er danach 20 Jahre nichts gedreht hat.

Seit 1998 aber ist er zurück. Und hat eine ganz eigene Ästhetik kreiert: Es gibt bei ihm keine Handlung, kein Plot, der sich entwickeln würde. Klassischen Kinokonventionen verweigert er sich. Dafür zeigt er stets improvisierte Momentaufnahmen, von einer wie schwebenden Kamera eingefangen, die Figuren sprechen meist nur in hingehauchten Monologen aus dem Off. Der "Stream of Consciousness", der Bewusstseinsstrom, den man aus der Literatur kennt, kongenial auf die große Leinwand übertragen. Eine Handschrift, die Malicks Filme unnachahmlich macht.

Das Verlorensein in der Fremde

Das hat die Fans verzaubert, als Malick vom Fremdsein an extremen Orten erzählte. Von amerikanischen Soldaten, die in "Thin Red Line" (1998) auf eine japanische Insel vordringen und die Natur staunend auf die Krieger schaut. Oder die Conquistadoren, die in "The New World" (2005) den neuen Kontinent Amerika erobern. Vervollkommnet wurde dieser Stil in "Tree of Life" (2011), wo das Fremdsein auf die eigene Kindheit und Familie übertragen wurde. Für einige Cineasten freilich war an dieser Stelle Schluss, als Malick dabei bis zum Urknall ging.

Seither scheiden sich an ihm die Geister. Malick dreht indes in immer schnellerem Tempo. Ob "To The Wonder" (2011), wo eine Französin in der amerikanischen Provinz vereinsamt, oder "Knight of Cups" (2015), wo die Figuren in der Unterhaltungsindustrie von L.A. arbeiten und das Fremdsein in Malicks eigenem Terrain ausgelotet wurde.

"Song to Song" spielt nun artverwandt, in der Musikszene von Austin. Eine Nachwuchssängerin (Rooney Mara) lernt einen mächtigen Plattenproduzenten (Michael Fassbender) kennen, aber durch ihn auch einen Musiker (Ryan Gosling). Eine Dreiecksgeschichte voller Geheimnisse und Verletzungen. Wie gewohnt umflirrt die Kamera dabei die Stars, zeigt sie lachend, busselnd und dann wieder einsam und verzweifelnd. Die Menschen, sie sind sich fremd, wenn die ersten Glückswallungen vorbei sind.

Immer wieder sehen wir schöne Menschen auf mondänen Partys, in Luxusappartments, an exotischen Schauplätzen. Und sie leiden, leiden, leiden. Statt aber eine Beziehung zu Ende zu erzählen, wird eine nächste dazugereiht: Der Produzent lernt eine Bardame (Natalie Portman) kennen, der Musiker eine Partyqueen (Cate Blanchett). Und auch die, man ahnt es, leiden und leiden.

Es ist ein Wahnsinn, wie viele Stars Malick wieder versammelt, aber es ist auch traurig, weil sie alle sich nicht entfalten können. Die Leere dieser Seelen will die Kamera (wie gewohnt von Emmanuel Lubezki) einfangen. Und doch bleibt auch sie nur an den schönen, glatten Oberflächen hängen, die der Film doch eigentlich hinterfragen will.

Der nächste Film ist schon abgedreht

Mit der Musikbranche hat das alles wenig zu tun. Auch wenn mal Patti Smith, Iggy Popp oder die Red Hot Chili Peppers auftreten, ist der Mehrwert gering. Sie sind nur Authentizitätszeugen, kurze Ablenkung im ewigen Kummerreigen. Ach, die Schönen und Reichen mit ihren Luxusproblemchen!

In "Song to Song" erschöpft sich Malicks einzigartige Ästhetik und führt sich selbst ad absurdum. Sein Kultstatus gerät ins Bröckeln. Umso spannender wird, was als Nächstes folgt: "Radegund", bereits abgedreht, teils auch in Babelsberg, wird sein erster linearer Film seit Ewigkeit. August Diehl spielt einen frommen Bauern, der sich dem Nazi-Regime verweigert. Womöglich erfindet sich Malick, wieder nach fast 20 Jahren, noch einmal neu.

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