Am Dienstag hat Chris Dercon vorgestellt, was er künftig mit der Volksbühne vorhat. Die Ankündigung ist lange mit Spannung erwartet worden, vollzieht sich am Rosa-Luxemburg-Platz in den nächsten Wochen doch eine umstrittene Zeitenwende: die vom langjährigen Intendanten Frank Castorf hin zu dem britischen Museumsmann Dercon. Der erste Eindruck nach der Pressekonferenz: Dercons Pläne sind nicht der große Wurf, den es dringend bedurft hätte. Einer, der das schon immer gedacht hat, ist Carl Hegemann, bis zum Ende dieser Spielzeit noch der Chefdramaturgie der Volksbühne und der Spiritus Rector hinter Frank Castorf. Wir haben ihn in dem Theater getroffen, über das derzeit so heiß diskutiert wird.
Berliner Morgenpost: Herr Hegemann, was für eine schreckliche Spielzeit. Ständig geht man ins Theater, ans Berliner Ensemble oder in die Volksbühne, und landet in letzten Vorstellungen, wo sich Schauspieler voller Wehmut von der Bühne verabschieden, auf der sie jahrelang gespielt haben. Das nimmt einen schon als Zuschauer mit. Wie hält man das an einem Haus überhaupt durch?
Carl Hegemann: Das ist hart, physisch und emotional. Ungefähr 20 Stücke werden zum letzten Mal gespielt. Fast jeden zweiten Tag haben wir hier eine Dernière. Das ist sehr traurig, aber auch sehr schön, weil dieses Ende eine enorme Kraft hat und weil wir die Trauer teilen können, auch mit dem Publikum.
Irgendwann einmal muss es einen Wechsel geben, werden viele sagen. Und der ist immer schmerzhaft.
Der Wechsel ist nicht das Problem, die Kunst lebt vom Wechsel. Aber dass irgendwer von den Verantwortlichen in der Politik diesen Wechsel, wie er jetzt kommt, gewollt hat, kann ich mir schlecht vorstellen.
Die Senatskanzlei beantwortete auch letzte Woche noch die Frage nach den Gründen für Castorfs Nichtverlängerung mit dem Hinweis auf eine Rede des Regierenden Bürgermeisters und Kultursenators Michael Müller vom April 2015. In dieser Rede erklärte Müller, dass die Volksbühne mit Dercon internationaler werden solle und fügte für die Skeptiker hinzu: „Wir wollen ja gerade, dass die Volksbühne weiter mit Eigenproduktionen arbeitet, mit Ensemble und Repertoire.“ Dieser erklärte Wunsch dürfte sich aber unter Dercon nicht erfüllen, auch wenn dieser bei seiner Pressekonferenz versucht hat, einen anderen Eindruck zu erwecken.

Chris Dercon hat am Dienstag in einer Pressekonferenz sein Programm vorgestellt. Was halten Sie von dem Progamm?
Nach dem, was man da mitbekommen hat, wird es bis Ende Januar im Wesentlichen Gastspiele geben, die größtenteils wenig mit Theater, aber viel mit Tanz und Film oder auch Installationskunst zu tun haben, die schon auf diversen Festivals zu sehen waren und teilweise auch wieder für die Volksbühne ausgegraben werden. Dercon behauptet zwar, es seien 13 Eigenproduktionen dabei, aber wenn man sich die Pläne anguckt, handelt es sich größtenteils um Gastspiele, die längst anderswo Premiere hatten und höchstens neu kombiniert werden. Wenn ich richtig sehe, bleiben für das erste halbe Jahr 2 neue Theaterproduktionen übrig. Und die haben jeweils ihr eigenes Ensemble. Insofern sind es gar keine Eigenproduktionen der Volksbühne, sondern Produktionen von verschiedenen Ensembles oder Künstlern, die in der Volksbühne lediglich Geld und Support bekommen – um dann nach der Premiere und ein paar weiteren Vorstellungen um die Welt zu touren.
Die neue Volksbühne wird auch daran gemessen werden, ob sie ein Ensembletheater bleibt.
Dercons Programmdirektorin Frau Piekenbrock spricht deshalb von „Haute-Couture-Ensembles“, die für jede Produktion maßgeschneidert sind. Die Abschaffung des Ensembles begründet Dercon mit dem Argument, die Volksbühne sei ja auch schon bei Castorf kein Ensembletheater mehr gewesen, weil viele der dort regelmäßig arbeitenden Schauspieler keine Festverträge hatten. Das ist allerdings ziemlich fadenscheinig. Gerade durch die individuelle Vertragspraxis konnte sich das Volksbühnen-Ensemble überhaupt über so viele Jahre entwickeln und kontinuierliche Arbeitszusammenhänge herstellen. An die neue Volksbühne ist von der neuen Leitung jedenfalls bisher noch kein einziger Schauspieler engagiert worden! Vom alten Ensemble sind genau die drei Unkündbaren übrig geblieben, alle anderen sind entlassen, die Festen und die Freien. Und Repertoire gibt es nur noch auf dem Papier. Man nennt das „modernes Repertoire“ und es soll wohl Wiederaufführungen von Theater-Klassikern beinhalten. Bisher besteht es aus einem modifizierten Beckett-Gastspiel aus Kopenhagen in Verbindung mit einer Arbeit des in Berlin bestens bekannten Künstlers Tino Sehgal.

Damit soll die Volksbühne Berlin, wie sie jetzt übergreifend heißt, eröffnet werden. Man möchte zwar auch täglich wechselnden Vorstellungen, hält sie aber gleichzeitig für „ökonomisch und ökologisch“ nicht vertretbar. So wird meist eine Produktion wird nach der andern gespielt. Und das bedeutet viele Schließtage und keine Flexibilität, wenn etwas nicht klappt. Es sieht so aus, als würden damit die grundlegenden Kriterien, die nach dem Willen des Senats auch für die neuen Leitung gelten sollten, ins Gegenteil verkehrt.
Eins der am besten funktionierenden, international bedeutendsten Theater in die Hände eines Direktors zu übergeben, der wie er auf der Pressekonferenz selber erklärte, Theater bisher nicht kennt, der sich aber auch weigert, sich auf die Belegschaft des Hauses einzulassen, ist schon heftig. Warum Dercon diese Aufgabe übernommen hat, ist mir schleierhaft. Aber ihn trifft keine Schuld. Er muss die entstandene unmögliche Situation mit seinem Team, das seit Monaten plant und einkauft, genauso ausbaden wie die Belegschaft.
Herr Dercon hat sein Büro ja schräg gegenüber der Volksbühne. Wie begegnen Sie sich eigentlich? Oder geht man sich aus dem Weg?
Die sitzen alle in der Weydinger Straße. Das sind ungefähr 15 sehr nette Leute. Nahezu täglich gibt es offizielle und informelle Besuche und Besichtigungen. Wir geben uns im Treppenhaus auch freundlich die Hand. Es ist eine merkwürdige Situation.
Wie hat Dercon mit Ihnen eigentlich kommuniziert?
Mit Castorf hat er bekanntlich gar nicht geredet, weder vor noch nach seiner Ernennung. Mit Herbert Fritsch und René Pollesch hat er sich getroffen, wobei sich schnell deren Unvereinbarkeit mit Dercons Vorstellungen herausstellte. Die Mitarbeiter waren am Anfang sehr offen. Ich glaube, viele Künstler hätten sich eine weitere Zukunft an der Volksbühne vorstellen können, wenn es irgendeine Ebene gegeben hätte, auf der man sich hätte verständigen können. Bei der ersten Pressekonferenz hat Dercon den Ausstattungschef Bert Neumann und die anderen noch als die ungefähr weltbesten Theaterkünstler gelobt. Später war der Tenor eher: Ihr müsst nur machen, was ich sage, dann mach ich euch weltberühmt. Der Satz „Ich mach dich weltberühmt“ ist ja keine ausgedachte Polemik, sondern genauso gefallen.

Wenn man sich nun die Pläne anguckt, die jetzt vorgestellt wurden, sind die damaligen Befürchtungen eigentlich noch übertroffen. So könnte auch ein zeitgenössisches Kunsthaus in irgendwo aussehen. Dass da auch ab und zu mal Schauspieler auftreten, fällt nicht weiter auf.
Haben Sie im Vorfeld mit Dercon geredet?
Dercon und ich kennen uns eigentlich über Schlingensiefs Arbeit und hatten damals nie Probleme. Außer nach der ersten Pressekonferenz und bei den beiden bisherigen Versammlungen haben wir aber nicht miteinander sprechen können. Freundliche Angebote zum Dialog, die ich ihm mehrfach schriftlich und mündlich gemacht habe, hat er freundlich aber sehr bestimmt zurückgewiesen.
Als Klaus Lederer antrat, schien es kurz, als könnte die Personalie Dercon noch mal infrage gestellt werden. Dann musste er die unterzeichneten Verträge aber anerkennen. Hatten Sie das Gefühl, Lederer ist eingeknickt?
Die einzige Möglichkeit wäre wahrscheinlich eine gütliche Einigung über einen für Dercon passenderen Ort, zum Beispiel in Tempelhof oder im Schillertheater, gewesen. Dercon bestand aber auf der Volksbühne, wie er bei der Pressekonferenz sagte, allein schon wegen des Geldes. Ich finde, das war sein gutes Recht. Auf Verträge muss man sich verlassen können. Und Kunstfreiheit ist für eine zivilisierte Gesellschaft lebenswichtig. Wenn nun ein neuer Intendant diese Kunstfreiheit nutzt, um eine Institution zu okkupieren und etwas anderes daraus zu machen, als sich die Kultur-Politiker gedacht oder gewünscht haben, kann ich das gut verstehen. Castorf und Lilienthal haben das 1992 ja auch gemacht. Allerdings waren sie von Anfang an näher an der Belegschaft und wussten, was ein Theater ist. Wenn in der Volksbühne das Repertoire- und Ensembletheater abgeschafft wird und das Theater dort keine dominante Rolle mehr spielen soll, wie diese Pressekonferenz nochmal bestätigte, könnte Herr Müller jetzt eigentlich sagen, „das war anders verabredet“ oder „es gab damals noch Absprachen mit dem Kulturstaatssekretär, die ich nicht kannte und nicht billige“. Dann müsste er den neuen Kultursenator schnell auffordern, zu handeln. Aber das wird er nicht machen – nicht nur weil er das Gesicht nicht verlieren will, sondern auch weil man mit der Kunst nicht so umgehen kann.
Was heißt das?
Man hat bei der Berufung einen schweren Fehler gemacht, der das Ende eines weltweit einmaligen Theaters in seiner erfolgreichsten Phase, mitten im Experiment, kurz vor dem 5. Akt zur Folge hat. Ohne jede Not. Mit dem noch vorhandenen, bald zerschredderten Repertoire könnte man mit der verbleibenden Belegschaft noch zwei Jahre in Berlin das Haus voll kriegen, ohne Intendant, ohne Regisseure und ohne Dramaturgen - allerdings nicht ohne einen sehr guten Disponenten - und zusätzlich noch den weltweiten Gastspielanfragen nachkommen.
Warum spielt die alte Volksbühne nicht einfach unter Dercon weiter? Das hat er doch Castorf und anderen Regisseuren angeboten!
Seine diesbezügliche Anfrage kam Ende Dezember, da hatte er die Schauspieler schon alle längst entlassen und auch die Assistenten, die diese Produktionen hätten betreuen können. Ich glaube, dass er wirklich einen unbelasteten Neuanfang wollte und dann auf einmal sah, dass es gar nicht so leicht ist. Castorf kam jedenfalls 1992 ohne Übernahmen aus, wenn man mal von seiner „Räuber“-Inszenierung absieht.
War es ein Fehler, Dercon zu holen?
Dass es ein Fehler war, ihn zum Theaterdirektor zu machen, wissen, glaube ich, alle, die sich mit dem ganzen Vorgang näher beschäftigt haben oder gestern gut zugehört haben. Und trotzdem kann man die Künstler und Kuratoren, nachdem man sie blind oder blauäugig engagiert hat, nicht einfach rausschmeißen, wenn sie anders auftreten als erwartet. Man muss sie erstmal machen lassen und darf ihre Arbeit nicht behindern. Auch das gehört zur Kunst. Die Politik kann eigentlich erst dann eingreifen, wenn außerkünstlerische Schieflagen entstehen, die zum Beispiel die Arbeitsplätze betreffen. Denn Abbau von Arbeitsplätzen oder die Unterminierung der Infrastruktur kann per definitionem nicht unter den Kunstvorbehalt fallen.


