Schlag nach bei Lenin: Was sagt der eigentlich über die revolutionäre Situation? Und zieht man dazu eher etwas Festliches oder besser etwas Wetterfestes an? Das sind Fragen, die bereits vor dem eigentlichen Beginn der Inszenierung „89/90“ durch das Festspielhaus schweben. Gestellt von einer Art Moderator, der auf einer Leinwand erscheint, die, leicht erhöht, einen Teil der Rückwand des ziemlich braun getäfelten Bühnenraumes von Andreas Auerbach einnimmt. Unten stehen Stühle, die Charme und Schick der späten DDR vermitteln. Am Rand ein braunes Rednerpult mit dem Logo der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, nach der Pause sind die Hände durchgestrichen.
Die letzten Tage der DDR, der Sommer der Anarchie: Claudia Bauer, seit der Spielzeit 2015/16, also mit Beginn der Intendanz von Enrico Lübbe, Hausregisseurin am Schauspiel Leipzig, hat den autobiografisch gefärbten Roman „89/90“ von Peter Richter gemeinsam mit Matthias Huber für die Bühne bearbeitet. Richter, 1973 in Dresden geboren, beschreibt in seinem 2015 erschienenen Buch eine Jugend zwischen Wehrlager und nächtlichem Abhängen im Freibad, zwischen Aufbruch und Orientierungslosigkeit, zwischen Neonazis und Punks. Ein vertrautes Thema, Clemens Meyer hat das schon in seinem gefeierten, in Leipzig spielenden Debüt „Als wir träumten“ verarbeitet, die Bühnenfassung kam vor einigen Jahren ebenfalls am Schauspiel Leipzig heraus.
Jetzt also Claudia Bauer, in diesem Jahr die einzige zum Berliner Theatertreffen eingeladene Regisseurin. Sie hat einen formal starken Zugriff auf die Vorlage. Der fulminante Chor, der mal zärtlich DDR-Heimatlieder singt, mal machtvoll „Freiheit“ skandiert, erinnert an Einar-Schleef-, die Live-Kamera an Frank-Castorf-, die Choreografie an Christoph-Marthaler-Arbeiten – aus all diesen künstlerischen Vorbildern entsteht bei Claudia Bauer etwas sehr Eigenes. Eine energiegeladene Inszenierung, die sich auch mal einen Hauch Selbstironie gönnt. Mit einem sehr spielfreudigen Ensemble, das vom Publikum gefeiert wird.
In Berlin ist die Arbeit nicht mehr zu sehen, aber noch am Schauspiel Leipzig – und 3sat sendet am 20. Mai zur Primetime die Aufzeichnung. Theater im Fernsehen funktioniert nicht immer, aber einen Versuch ist diese Inszenierung allemal wert.

