Staatsoper im Schiller-Theater

Sängerin Tara Erraught: „Ich liebe Hosenrollen“

Sängerin Tara Erraught singt die kokette Rosina an der Staatsoper. In England hat sie einen Opernskandal ausgelöst.

Die irische Opernsängerin Tara Erraught singt erstmals in der Staatsoper im Schiller-Theater

Die irische Opernsängerin Tara Erraught singt erstmals in der Staatsoper im Schiller-Theater

Foto: joerg Krauthoefer

Die irische Mezzosopranistin Tara Errau­ght gehört seit neun Jahren fest zur Münchner Staatsoper und ist ein Publikumsliebling. Sie singt sich durch die Opernwelt, in Berlin ist sie erstmals zu erleben, sie verkörpert die erotisch-freche Rosina im „Barbier von Sevilla“ an der Staatsoper Unter den Linden. Die Sängerin ist voller Schwärmerei, was Berlin betrifft. „Ich habe seit meiner Kindheit von den großen Orchestern hier gehört“, sagt sie: „Mein erstes Bild von Berlin war der große Saal der Philharmonie, denn jedes große Konzert, das bei uns im Fernsehen gezeigt wurde, kam aus Berlin.“

Wer die strahlende 30-Jährige im Gespräch erlebt, kann kaum glauben, dass sie vor drei Jahren in England einen Opernskandal ausgelöst hat. Damals hatte sie beim Opernfestival in Glyndebourne in Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ debütiert. Manche Kritiker hatten in den Hosen des Octavian etwas anderes erwartet. Ihre „plumpe Statur“ war Thema im „Daily Telegraph“. „Unglaublich, unansehnlich, unattraktiv“ empfand sie die „Times“, und die „Financial Times“ beleidigte sie gar als „molliges Bündel aus Babyspeck“.

Opernsängerinnen sollen wie Models aussehen

Daraufhin protestierten Opernliebhaber gegen die Kritiker, die stritten untereinander, bedeutende Sänger solidari­sierten sich mit Tara Erraught. Es wurde über offenen Sexismus debattiert, weil immer nur die Sängerinnen irgendwelchen Schönheitsidealen entsprechen müssen, die Männer hingegen nicht. Andere erinnerten an innige Umarmungen von Schwergewichten wie Luciano Pavarotti und Montserrat Caballé. Was auf der Bühne nie einfach war. Bedauert wurde, dass Sänger heute auf Plattencovern wie Models aussehen müssen.

„Es ist wichtig, dass die Menschen über die Oper reden“, sagt Tara Erraugh­t heute. Sie selbst habe erst später von der ganzen Diskussion erfahren. „Das Glyndebourne-Festival ist eine traumhafte Insel mit Oper und Schafen drum herum. Wir hatten eine wunderbare Probenzeit mit Robin Ticciati. Ich habe nichts gemerkt.“ Nach einer Produktion sei sie in den ersten Wochen nicht in Social Media, also auf Facebook, unterwegs. Sie wolle die Bilder und Kritiken nicht sehen. „Ich kam also nach München für eine Vorstellung von ,Clemenza di Tito‘ zurück“, erinnert sie sich. „Die Leute haben geklatscht, es war so warmherzig, als wenn ich ein Weltstar wäre.“ Dann erst habe sie die Geschichte auf Facebook mitbekommen. „Ich hatte plötzlich 3000 Fans mehr.“

Tara Erraught weiß, dass sie keine Elfe ist. „Über Äußerlichkeiten zu reden ist für mich kein Problem, aber wenn etwas Schlechtes über meine Stimme gesagt wird, das ist mir wichtig. Dann gehe ich sofort zu meiner Lehrerin und frage: ‚Okay, was machen wir?‘“ Sie glaubt nicht, dass es damals eine geschlechterspezifische Diskussion war: „Es gibt dicke und dünne Männer wie Frauen. Ich habe das alles nicht verstanden, es bleibt eine Frage des Geschmacks.“ Die britische Opernsängerin Alice Coote, selbst eine renommierte Octavian-Darstellerin, hatte in einem offenen Brief geschrieben, in der Oper ginge es einzig um die Stimme. Die Position vertritt auch Tara Erraught: „Wenn eine Sängerin eine Rolle zum Leben bringen kann, das ist auf der Bühne wichtig. Gewicht ist kein Thema, Stimme und Charakter müssen zusammenkommen.“ Es sei bestimmt nicht einfach für die Castingleute, diese Qualitäten allein bei einem Vorsingen herauszufinden. „Es ist kein leichter Job.“

„Der Rosenkavalier“ war ihre erste Oper in England. Seitdem hat sie dort nichts mehr gemacht. „Aber ich will irgendwann zurückgehen und sehen, wie es ist. Glyndebourne ist ein Ereignis.“ Und außerdem: „Ich liebe Hosenrollen. Die Kleider von Männern sind viel bequemer, gerade auch die Schuhe. Man kann sich körperlich viel freier fühlen.“ Die kokette Rosina in Berlin erfordert schon ein anderes Rollenverhalten. „Ich habe bei der Rosina hier zwei Wochen lang geübt, die Schultern zurückzunehmen und die Knie zusammenzudrücken“, sagt sie. „Ich würde gerne für die nächsten 20 Jahre Hosenrollen singen.“

Den Coffeetrend in Berlin fand die Irin immer cool

Die Sängerin ist voll fröhlicher Selbstironie. Sie plaudert gern über ihre Familie, etwa über ihren Großvater, der sich mit 80 Jahren seinen ersten Pass ausstellen ließ, damit er sie in München in der Oper erleben konnte. Oder über Irland, wo alle gemeinsam im Pub Musik machen, und natürlich über Berlin. Als sie Teenager war, gab es in Irland noch keinen Coffeetrend. „Aber aus Berlin wussten wir, dass es das gibt mitsamt der coolen Innenausstattung. In Irland ist alles noch viel traditioneller. Berlin war immer anders, die Leute wirkten relaxt. Ich finde, auf der Straße hat jeder einen anderen Stil.“

Was die Oper angeht, ist sie ebenfalls anders geprägt worden. „Ich hatte in Irland nur Bilder von uralten Inszenierungen gesehen. Menschen in prächtigen Kleidern stehen auf der Bühne und singen.“ Dann kam sie nach München und sah als erstes „Macbeth“. Sie sah keine großen Kostüme, und die Leute rannten hin und her. Sie war danach jeden Abend in der Oper und im Ballett. „Ich habe niemanden gesehen, der 30 Sekunden lang auf einem Fleck stand. Ich war schockiert. Ich selbst hatte keine einzige Schauspielstunde gehabt, bevor ich nach München kam. Ich habe gedacht, so wie ich eine Singtechnik habe, brauche ich auch eine Schauspieltechnik.“

Es habe vier Jahre gedauert, gibt sie zu, bis sie das Schauspielerische draufhatte. „Jetzt liebe ich die Art des Darstellens.“

Staatsoper im Schiller-Theater: „Barbier von Sevilla“ am 18., 20. und 25. Mai

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.