Kultur

Gipfeltreffen der Klassik-Urgesteine im Konzerthaus

Wiener Philharmoniker auf Jubiläumstour in Berlin

Auf ihrer 175-Jahre-Jubiläumstour machen die Wiener Philharmoniker zum zweiten Mal in diesem Jahr Station in Berlin – diesmal zu Ehren des 86-jährigen Pianisten und langjährigen Verbündeten Alfred Brendel, für den das Konzerthaus eine zehntägige Hommage organisiert hat. Am Pult steht mit dem knapp 90-jährigen Herbert Blomstedt der zurzeit älteste aktive Weltklasse-Dirigent, um die Musiker durch Beethovens Drittes Klavierkonzert zu leiten. Allerdings nicht mit Brendel am Flügel, denn der hatte seine Pianistenkarriere ja bereits 2008 beendet. Stattdessen sitzt dort der Amerikaner Kit Armstrong, jener Nachwuchspianist also, dem in den letzten Jahren vor allem deshalb so viel Aufmerksamkeit geschenkt worden ist, weil sein Lehrer Alfred Brendel ihn als „das größte Talent“ bezeichnet hat, „das mir jemals begegnet ist“.

In Beethovens c-Moll-Klavierkonzert nun, einem der Paradestücke seines Mentors Brendel, erweist sich Armstrong als zurückhaltender Kammermusiker, der sehr genau auf das Orchester hört und doch niemals mit ihm verschmilzt. Der Ton des Pianisten ist schlank, filigran und steht mit seiner ungetrübten Helligkeit in auffallendem Kontrast zum dichten, dunklen Klang der Wiener Philharmoniker. Armstrong spielt einen Beethoven, der ganz nach leichtfüßigem Mozart klingen möchte – und die tragischen Tiefen der Partitur, die existenzielle Dramatik, die sich zuweilen bedrohlich zusammenbraut, lieber dem Orchester überlässt.

Als der 25-Jährige hinterher seine Zugabe ankündigt, die Allemande aus der C-Dur-Suite von Mozart, glauben einige im Publikum sich verhört zu haben: Es gibt sie wirklich, diese Mozart-Suite – es ist freilich ein vollkommen untypischer Mozart und noch dazu eine Klavierrarität. Mozart setzt sich hier mit dem kompositorischen Erbe Bachs auseinander, fertigt eine Art barocke Stilkopie an, in die sich Klassisches und sogar Frühromantisches einschleicht. Eine Zugabe vermutlich ganz nach dem Geschmack von Alfred Brendel, der schon immer Gefallen an Repertoirekuriositäten hatte und an diesem Abend in der Loge des ersten Rangs links weilt.

Dort nimmt in der zweiten Konzerthälfte auch sein Schüler Armstrong Platz, um mit ihm gemeinsam Bruckners Vierte Sinfonie zu hören. Und natürlich könnte man auch in diesem Fall eine Verbindung zu Brendel herstellen: Bruckner als Nachfahre von Franz Schubert, der wiederum zu den musikalischen Hausgöttern des österreichischen Pianisten gehört. Doch die Wiener Philharmoniker feiern mit dieser Bruckner-Symphonie natürlich auch ihr 175-jähriges Bestehen und ihre legendäre Bruckner-Tradition.

Betont diesseitig klingt Bruckners „Romantische“ nun im Konzerthaus, ohne jeden Anflug von Verklärung. Unter Blomstedt entsteht ein gebremster Bruckner in strenger Festpracht. Doch obwohl das Orchester die Partitur an diesem Abend eher abruft als neu durchlebt: Die kernige, dunkelgoldene Luxusklangkultur der Wiener fasziniert einmal mehr.

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