Wie eine Punk-Bienenkönigin schwebt Debbie Harry Punkt Acht auf die Bühne des Schwuz in Neukölln, wo sie am Freitagabend mit ihrer Band Blondie erstmals das nächste Woche erscheinende Album „Pollinator“ vorstellt. Auf ihrem Kopf trägt die 80er-Ikone zum platinblonden Pagenschnitt einen Haarkranz aus zwei überdimensionalen Plüschbienen.

Corporate Identity ist 2017 auch den New Yorker Postpunkhelden eine Strategie, die sie für sich zu nutzen wissen. Und sie wird natürlich gleich wieder gebrochen durch die blickdichte Sonnenbrille der Sängerin, die demonstrative Coolness-Attitüde, mit der zumindest die ersten Songs hingerotzt werden und dem saftigen Kraftaufdruck auf dem T-Shirt-Kleid, der hier nicht wiedergegeben werden kann.

Debbie Harry ist eine gemütliche Hummel

Aber natürlich ist alle zur Schau gestellte Antihaltung nur Spiel, eigentlich ist die Blondie-Sängerin Harry keine Biene mit Stachel, sondern eher eine gemütliche Hummel, die mit durch die Jahre extrem reduzierte Bewegungen, die in ihren aktivsten Momenten an extrem lässige Aqua-Gymnastik erinnert, ihre Fans unterhält, sich meist aber mit einem spöttischen Grinsen hinter Sonnenbrillen genügt.

Nach den ersten paar Nummern, allesamt Hits wie „One Way Or Another“, „Hanging on the Telephone“ und „Call Me“, bei denen das Publikum aufgetaut ist, entspannt sich auch die New Yorkerin, die unfassbare 71 Jahre alt sein soll und glatt zwei Dekaden jünger wirkt. Und macht sogar ein paar Späße, etwa über die vielen Instruktionen, die sie von den Veranstaltern für den Abend erhalten hätten. „Lasst Euch den Spaß nicht verderben“, ruft sie in die Menge und fordert gleich noch dazu auf, ja keine Scheu zu haben, sich bei Bedarf oben rum frei zu machen. Dem Aufruf kommt dann aber zum Glück doch keiner nach.

Es ist eine erstaunliche Mischung an Fans, die sich an diesem Abend versammelt hat, von Anfang 20 bis 70 ist alles dabei, bei so manchen Waver kontrastiert die pechschwarz gefärbte Haarspraytolle mit dem vom Alter gezeichneten Gesicht, aber zumindest versteht er noch zu tanzen. Daneben steht eine Mittzwanzigerin, die mit ihrem Dutt und der Hornbrille wie eine frühgealterte Sekretärin wirkt und beim Schunkeln ihr Weißweinglas so heftig schüttelt, dass der Inhalt auf dem frischfrisierten Hipster mit der Bomberjacke vor ihr landet. Bei einem Blondie-Konzert in den 80ern hätte das wohl für Stunk gesorgt. An diesem Abend lächelt der Junge nur, wischt sich Plörre von der Jacke und wippt ungerührt weiter im Takt.

Ein wohliges Nostalgiegefühl

Was die Gäste im Kellerclub vereint, ist ihre Textsicherheit bei den Hits, sie singen „Atomic“ begeistert mit und intonieren bei „Heart of Glass“ den Backgroundchor „ooh ooh ah ah“ so euphorisch, dass es selbst der New-York-coolen Debbie ein gerührtes „Beautiful!“ entlockt. Auch ein paar Stücke des neuen Albums spielen Blondie, die nach einigen Misserfolgen in den letzten Jahren nun wieder klingen, als kämen sie direkt aus der Hochphase der Band zwischen 1978 und 82, als sie und Frontfrau Debbie Harry mit ihrem Mix aus Wave und Disco schlicht die Größten waren.

An diesem Abend wirken sie oft eher, dabei gar nicht unsympathisch, wie alt gewordene Kinder. Ein wohliges Nostalgiegefühl stellt sich ein. Um kurz vor halb zehn gehen, nach einer kurzen Zugabe, dann aber schon die Lichter an und alle müssen zügig raus, zu einer Zeit, in der früher erst der Lidstrich angelegt wurde für eine wilde Nacht. Das ist dann wohl eher Postpostpunk. Aber Blondie werden ja auch nicht jünger. Und wir mit ihnen.