Diesmal ist es persönlich. The Jesus & Mary Chain schulden einer Menge Zuschauer im Huxley’s noch Auftrittszeit. Mindestens 30 Minuten. Gern mehr. Denn viele sind da, die die Band schon bei ihrem ersten, einigermaßen als solches erkennbarem Konzert 1985 in Berlin gesehen haben. Nach einer guten, ohrenbetäubenden Viertelstunde waren die muffeligen vier Schwarzkittel allerdings schon wieder von der Bühne gestolpert. Jene, die dabei waren, protzen seitdem damit wie Schützengrabenüberlebende. Dennoch wären die Ü50s aus jener Nacht im Loft nun am Montag in der ausverkauften Neuköllner Konzerthalle wirklich dankbar, wenn diesmal ein klein wenig länger musiziert werden könnte.

Los geht es um Punkt 21 Uhr mit „Amputation“. Der Sound stimmt ab der ersten Minute und Jim Reid ist bestens bei Stimme. Bei Bandgründung hatten er und sein Bruder darum gestritten, wer singen muss. Jim sagt heute, er habe damals verloren.

Diesmal ist die Band zu fünft. Es geht zügig los mit viel vom Album „Automatic“, Rock’n’Roll mit drei Akkorden, Stücke aus einer Welt, in der die Mädchen Honey, Candy und Cindy heißen, der Tod in jeder Kurve kichert, die man mit dem Motorrad scharf ansteuert und irgendwie sind sie alle hinter einem her. Es klingt nach Velvet Underground, Shangri-Las, Lee & Nancy, Beach Boys und Stooges. Der Selbstversuch ergibt: Maximal 30 Minuten links der Bühne sind auszuhalten. Bei Veröffentlichung dieser Zeilen können wir auf dem linken Ohr möglicherweise schon wieder hören.

The Jesus & Mary Chain ist eine Familienangelegenheit: Kern sind Jim und sein älterer Bruder William Reid, von der Gründung 1984 bis zur ersten Auflösung 1999 jeweils mit wechselnder Verstärkung. Ihre ist die in tausend Variationen gelebte Geschichte von Jungen und Mädchen aus dem kulturellen Niemandsland, die es dorthin schaffen wollen, wo sie Erfolg und Ruhm wähnen. Orte, die sie nur aus dem Fernsehen kennen. Im Fall der Gebrüder Reid waren das Pop-TV-Shows, in denen sie atemlos Marc Bolan und David Bowie anstarrten.

Mit einem einfaches Vier-Spur-Cassettenrecorder nahmen sie daheim in der schottischen Neubaustadt East Kilbride bald Demos auf, die Label-Manager Alan McGee zu hören bekam. Er verschaffte ihnen einen Auftritt. Jim und William debütierten nicht nur ihre seltsame Musik sondern kloppten sich bereits beim Soundcheck.

Es sollte ein Grundthema ihrer Achterbahnkarriere werden: dufte Musik und dicke Luft. Reid und Reid keilten sich schon, als Liam und Noel Gallagher noch um den erfolgreichen Abschluss ihrer Grundschulausbildungen kämpften. Die Aufnahme ihres gerade erschienenen Albums „Damage and Joy“ aber hatte dem Vernehmen nach neben einer Reihe toller Titel auch friedensbildende Wirkung zur Folge.

1984 veröffentlichten sie ihre erste Single „Upside down“. Ihre kurzen, von Speed und Drinks befeuerten Auftritte hielt Londons Musikpostille NME für das tollste Remmidemmi seit den Sex Pistols. Danach standen die Plattenfirmen bei ihnen Schlange, erinnerte sich Jim Reid jüngst. „Mit Blankoschecks“.

Im Huxley’s gibt William Reid den Vollzeit-Shoegazer mit Blick auf seine Effektpedale. Im Gegensatz zu Jim hat er immer noch die alte „Hand-in-die-Steckdose-gesteckt-Frisur“. Das wilde Durcheinander ist inzwischen Grau, im schlichten aber effektiven Spiel der Scheinwerfer reflektiert manchmal seine Brille. Er sieht aus wie der lauteste Chemieprofessor der Welt.

Bei „April Skies“ spielt William Reid als Solo eine Schleife aus drei Tönen. Dessen kreativer Höhepunkt: der abschließende Ton Nummer vier. „Teenage Lust“ schiebt sich voran wie ein Brontosaurus durch den Urwald. Ganz schön primitiv. Aber darauf steht man man ja als junger Menschen und dieses Konzert erinnert das Publikum im Huxley’s, warum man vor 30 Jahren von dieser Band so gepackt und durchgeschüttelt wurde.

Richtig gehen die Arme hoch, wenn William Reid die ersten Töne von Songs des Debüts „Psychocandy“ mit „Lost in Translation“-Hymne „Just like Honey“ anstimmt. Statt der scharfen blechernen Soundhölle der damaligen Transistorverstärker klingen die halbakustischen Gitarrenwände heute fetter und brummiger. Weniger Drohne, mehr Flugzeugträger.

„Das ist leider unser letzter Song“, sagt Jim Reid nach 60 Minuten. „Aber man kann uns leicht dazu bringen, mehr zu spielen.“ So kehrt die Band dann auch mehrmals zurück, zuletzt fast ungebeten, als viele schon komplett plattgedröhnt gehen. Wer 1985 schon dabei war, ist jetzt mehr als entschädigt. Man würde einfach nur gern sein Gehör zurückbekommen.