Musik von ihm hat jeder schon mal gehört. Howard Shore hat in seiner 40-jährigen Karriere die Musik zu über 35 Filmen geschrieben, hat mit Regielegenden wie Martin Scorsese, David Fincher oder David Cronenberg zusammengearbeitet und Scores zu „Das Schweigen der Lämmer“, „Philadelphia“ oder „Sieben“ erschaffen. Aber in die Film- und Musikgeschichte eingehen wird er mit seiner Musik zu den Trilogien zu „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“. Nicht nur auf der Leinwand, sondern auch auf der Bühne. Ende April wird „Der Herr der Ringe: Die Gefährten“ mit Live-Musik und Großbildproduktion bei einem Filmlivekonzert. Wir haben den kanadischen Komponisten dazu vorab in Berlin gesprochen.

Mr. Shore, Sie haben mit dem Soundtrack zu „Der Herr der Ringe“ eine Musik erschaffen, die noch immer, selbst ohne direkten Filmkontext, bei vielen Gänsehaut erzeugt. Wie sehen Sie, mit dem Abstand von 15 Jahren, Ihre Arbeit?

Howard Shore: Die Gänsehaut verdanken Sie nicht mir, die verdanken sie Tolkien. Er hat eine der größten und lebendigsten Fantasy-Welten aller Zeiten erschaffen. Die Leute gehen in dieser Welt auf. Ich habe lediglich die Musik geschrieben, die das versucht widerzuspiegeln. Meine Arbeit ist eine musikalische Interpretation von seiner. Aber Sie haben recht. „Der Herr der Ringe“ wurde 1953 veröffentlicht und ist im Jahr 2017 genauso beliebt wie eh und je. Wenn die Leute das in 50 Jahren auch über meine Musik sagen, bin ich ein glücklicher Mann.

Wie sind Sie die Zusammenarbeit mit Peter Jackson damals angegangen?

Mit einem Stück Papier und einem Bleistift. Das ist mein Arbeitsmaterial seit meinem zehnten Lebensjahr. Aber ein Soundtrack wie dieser war selbst für mich ein ehrgeiziges Unterfangen. Alle drei Filme zusammen sind über zwölf Stunden lang. Ich habe vier Jahre gebraucht. Ich habe mir selbst eine Frist gesetzt, jeden Tag eine gewisse Zahl von Seiten vollzukriegen. Nach der Komposition kam die Orchestrierung, ich musste die einzelnen Stücke zu einem großen Ganzen zusammenschieben und an den Film anpassen. Dabei habe ich es mir selbst nicht nehmen lassen, auch bei den Aufnahmen zu dirigieren.

Für die Hobbits Frodo Beutlin (Elijah Wood, r.) und sein  Sam (Sean Astin) hat Shore eine eigene Freunschafts-Motiv entwickelt
Für die Hobbits Frodo Beutlin (Elijah Wood, r.) und sein Sam (Sean Astin) hat Shore eine eigene Freunschafts-Motiv entwickelt © picture-alliance / dpa | dpa Picture-Alliance / dpa-Film Warner

Haben sie die Musik chronologisch nach dem Erzählfluss geschrieben?

Nein. Ich habe in den Minen von Moria angefangen, bin dann weiter nach Lothlorien, zurück nach Rivendell.
Das „Fellowship“-Thema war eines der ersten, die ich schrieb. Aber die Musik ist immer nur so gut wie ihre Romanvorlage und die filmische Umsetzung. Ohne J.R. Tolkien und Peter Jackson würde meine Musik nicht funktionieren.

Wie gelingt es Ihnen immer wieder aufs Neue, Ihre Ideen zur Geschichte in Musik zu transformieren?

Ich assoziiere frei mit den Ideen und Motiven der Geschichte. Bevor ich mich voll und ganz der Musik widme, recherchiere ich viel. Natürlich habe ich Tolkien gelesen, aber auch Sekundärliteratur, bin voll und ganz in die Ring-Mythologie eingetaucht. Ich wollte den Einfluss der Mythologie auf Tolkien nachvollziehen, aber auch verstehen, was nach der Veröffentlichung des Buches passiert ist. Wie „der Herr der Ringe“ die Literatur und Popkultur beeinflusst hat.

Und dann?

Habe ich all das wieder beiseite­gelegt und mich selbst gefragt, wie ich über das Buch denke, was ich beim Lesen fühle, habe meine musikalischen Gedanken sortiert. Woran denke ich, wenn es um Kameradschaft geht, um die Beziehung von Sam und Frodo zum Beispiel? Aus diesen emotionalen Versatzstücken entstanden die einzelnen Themen.

Was drückt das Thema von Sam und Frodo für Sie aus?

Das steht für mich für Intimität. Die Geschichte an sich ist so episch, so groß, da fällt die Intimität zwischen den beiden Figuren fast aus dem Rahmen. Die besondere Beziehung zwischen Frodo und Sam ist für mich noch immer inspirierend.

Steht jede Figur für ein eigenes Instrument?

Ja, ich bin ein großer Freund von Leitmotiven und Themen. Eine Technik, die ich mir bei Richard Wagner abgeguckt habe. Das Publikum hat so die Möglichkeit, rote Fäden zu erkennen. Die Musik ist sehr komplex. Durch die unterschiedlichen Themen werden die verschiedenen Beziehungen herausgearbeitet. Die Elbenwelt von Lothlorien ist eine andere als die in Rivendell. Nicht nur optisch, auch musikalisch. Für mich sind die Leitmotive eine ganz eigene Art des Geschichtenerzählens.

Wie kam der Schritt von der Leinwand auf die Konzertbühne?

2004 habe ich aus dem Soundtrack eine zweistündige Symphonieversion erarbeitet und bin damit durch die Welt getourt. Für jeden Filmkomponisten ist das ein wahrer Segen, denn so lebt die Musik auch über den Film hinaus weiter. Es ist mein Vermächtnis an Tolkien. Nicht jeder Filmkomponist hat dieses Glück, wir erschaffen ja eine aufgezeichnete Kunstform. Sobald sie eingespielt und in den Film integriert ist, ist meine Arbeit in der Regel getan.

Wie viel künstlerische Freiheit haben Sie bei den Konzerten?

Auf der Bühne entwickeln sich ganz eigene Dynamiken. Das hängt von der Größe des Konzertsaals ab, von der Stimmung im Publikum und im Orchester. Mit über 230 Künstlern auf der Bühne ist allein die Logistik immens.

Sie haben mit zahlreichen Regisseuren zusammengearbeitet, mit Legenden. Wie unterschiedlich ist diese Zusammenarbeit?

Regisseure haben alle ihre ganz eigene Technik. Egal ob Martin Scorsese, David Cronenberg oder David Fincher. Jeder geht seinen Film ganz anders an. Auch im Zusammenhang mit Musik. Das entwickelt und verändert sich mit der Zeit. Denn jeder Regisseur entwickelt sich mit jedem Film weiter. Beim Film ist immer alles in Bewegung.

Welche Herangehensweise bevorzugen Sie?

Ich mag es, wenn ich als Komponist wie ein Schauspieler behandelt werde. Ich bekomme das Drehbuch und darf mit der Geschichte spielen, ich darf meine Rolle aus den Seiten herausentwickeln. Wenn ich mit so tollen Schauspielern wie Jeremy Irons oder Viggo Mortensen zusammenarbeite, lasse ich ihnen den Platz, sich zu entfalten und spiegele ihr Spiel in meiner Musik wider.

Brauchen Sie eine bestimmte Umgebung, um arbeiten zu können?

Ich lebe in den Wäldern von Oakwood. Ich brauche die Nähe zur Natur. Es ist sehr ruhig. Diese Ruhe ist Teil meines Erfolges. Ich liebe meine Familie, aber ich brauche auch meine Rückzugsräume, einen Bleistift und einen ruhigen Ort. Da bin ich genügsam.

Klingt fast so, als würde Musik Sie stören?

Der Alltag an sich hat einen ganz eigenen Klangteppich, einen Soundtrack. Deswegen ziehe ich mich immer wieder zurück. Meine Arbeitsumgebung hat fast schon etwas aus dem 19. Jahrhundert. Ich benutze keine Instrumente. Ich arbeite nur mit einem Blatt Papier. Musik ist für mich eine visuelle Kunstform. Ich schaue auf meine Kompositionen und sehe die Musik vor mir.

Wie haben Sie die Digitalisierung der Musik erlebt?

Ich würde lügen, würde ich sagen, das sei spurlos an mir vorübergegangen. Ich habe in den 60er-Jahren angefangen und jeden Entwicklungsschritt selbst erlebt, mit allen Vor- und Nachteilen. Aber das Wesen der Kunst, das Wesen der Musik und des Films ist noch immer dasselbe. Ich versuche das große Ganze zu betrachten. Das Herz meiner Kunst sind noch immer das Symphonieorchester und Konzerte. Und diese Tradition reicht bis zu den Anfängen der Film- und Musikgeschichte. In der Ursprungsform hat sich also gar nichts verändert. Auf den Punkt gebracht ist die Konzerthalle noch immer das Fundament meiner Arbeit. Umso schöner, dass ich jetzt zu ihm zurückkehren kann.

Das Konzert: Mercedes-Benz Arena, 27. April, 19 Uhr.