Im Foyer der Volksbühne steht ein Fass mit Streichholzschachteln mit dem Räuberrad, dem berühmten Logo von Bert Neumann. Vielleicht bald wertvoll, sicher aber eine schöne Erinnerung, denkt der Besucher, und steckt eine der Schachteln ein.
Erinnerungen. 1992 begann Frank Castorf seine Zeit als Intendant am Rosa-Luxemburg-Platz. Die Neunziger waren die Zeit, in der sich die Volksbühne weit über Berlins Grenzen hinaus den Ruf eines innovativen, jungen, rebellischen, wilden, alternativen Theaters sicherte, das so ganz anders war als alle anderen. Und den sie danach lange Zeit verteidigte. Nun geht sie zu Ende, Chris Dercon übernimmt. Aber man kann an diesem Abend noch einmal, ausgestellt wie in einer Museumsvitrine, die Mittel besichtigen, mit denen sie einmal von sich reden machte.
Ein Text über den Alkoholismus
Sebastian Klink, Regieassistent von Frank Castorf, hat Wenedikt Jerofejews „Die Reise nach Petuschki“ auf die Bühne gebracht. Und es ist alles da, was wir von ungezählten Abenden in diesem Haus kennen: das ungestüme Geschrei, die live abgefilmten und auf eine Großleinwand projizierten Schauspielergesichter, die durchs Publikum fliegenden Klopapierrollen, die donnernde Musik, die Lust am Dreck. All das, was einmal so aufrüttelte und verstörte und wach machte für die Zeit, in der wir leben. Das aber nun, wo so viel Zeit verstrichen ist, nur noch wie eine selbstreferenzielle Hommage daherkommt – so, als würde sich jemand selbst zuprosten.
Es geht ja auch ums Saufen in diesem Text, den Wenedikt Jerofejew 1973 veröffentlichte – natürlich nicht in Russland, wo das aufgrund politischer Umstände undenkbar war, sondern in einer israelischen Zeitschrift. Es ist vielleicht einer der lustigsten und zugleich traurigsten Texte, die jemals über den Alkoholismus geschrieben wurden. Ein Tag im Leben eines Mannes, der auf einer Zugfahrt immer betrunkener wird, bis ihm schließlich die Dämonen erscheinen.
Zwei Personen spielen den traurigen Helden
Es ist nur folgerichtig, dass Sebastian Klink diesen Helden von zwei Personen spielen lässt: Alkohol spaltet die Persönlichkeit. Christian Schneeweiß und Patrick Güldenberg teilen sich die Hauptrolle, gleich gekleidet und vom Alkohol zusehends zerrüttet. Für all die Figuren, die ihnen auf der Reise in den eigenen Zerfall erscheinen, sind Alexander Scheer, Jeanette Spassova und der wunderbare Daniel Zillmann zuständig. Letzterer kontrolliert in einem Bienenbärchenkostüm die Fahrkarten, Spassova hat einige lüsterne Auftritte als unerreichbare Geliebte, und Scheer darf sich in großartigen Momenten als Satan ausprobieren.
Doch es geht nicht auf. Man spürt die Absicht und ermüdet schnell. Man kennt die alten Tricks dieses Theaters dann inzwischen doch zu gut. Und würde gern mal ein paar neue sehen.
Nächste Vorstellung am 17. April, 20 Uhr


