Tschirner und Herbst

„Wie kann ich mich in den Tatort schlafen?“

Schauspieler Christoph Maria Herbst und Nora Tschirner klären diese und andere Fragen im Doppelinterview.

Christoph Maria Herbst und Nora Tschirner

Christoph Maria Herbst und Nora Tschirner

Foto: Joerg Krauthoefer/Funke Medien Gruppe

Im Film synchronisieren sie Erzfeinde, im echten Leben verstehen sie sich ziemlich gut: Christoph Maria Herbst (51) und Nora Tschirner (35) sind für das neue „Schlümpfe“-Abenteuer in die Rollen vom bösen Zauberer Gargamel und Schlumpfine geschlüpft. Ein Gespräch über Rebellion, Abenteuerlust, die Lust auf „Tatort“ und wie man durchs Fliegen wieder geerdet wird.

Berliner Morgenpost: Im Film spielen Sie eine komplizierte Vater-Tochter-Beziehung, und zwar die von Schlumpfine und Gargamel.

Christoph Maria Herbst: Stimmt, dabei kennen wir uns eigentlich gar nicht. Als wir uns neulich zum ersten Mal trafen, hat Nora gleich gesagt, sie wolle mich nicht mit „Hallo Christoph“ begrüßen, sondern mit „Hallo Papa!“ Ich habe sie ja im Film wie Gottvater aus Lehm geformt. Wie fühlt sich das eigentlich für dich an, Nora?

Nora Tschirner: Ein bisschen hohl. (lacht)

Herbst: Darf ich noch eine Frage stellen? Wie fandest du denn die US-amerikanische Schlumpfine aus dem Original?

Tschirner: Toll! Mochtest du sie nicht?

Herbst: Die habe ich ja nie so gehört. Ich hab’ ja, wie du weißt, den Gargamel gesprochen. (lacht)

Tschirner: Und wie fandest du den?

Herbst: Ehrlich gesagt nicht so den Knaller. Im Original lacht Gargamel immer gleich. Es war meine Herausforderung, jeden Lacher anders zu gestalten.

Tschirner: Das ist ein frühes Stadium von Größenwahn, wenn man das amerikanische Original überbieten will.

Herbst: Das Gute ist ja, es ist mir gelungen.

Tschirner: Und das ist das Endstadium. (lacht)

Im Film brechen die Schlümpfe ja aus ihrem Dorf aus und begeben sich in ein Abenteuer, um eine neue Welt zu entdecken. Waren Sie so rebellisch in Ihrer Kindheit?

Herbst: Noras Kindheit ist ja quasi noch gar nicht vorbei.

Tschirner: Stimmt, an dieser Stelle möchte ich einen meiner Lieblingsregisseure zitieren, Richard Huber. Der hat mal gesagt: „Ich wollte auch mal von zu Hause abhauen, aber ich durfte nicht.“ (lacht) So war das auch in meiner Kindheit. Gefühlt war ich wahnsinnig aufmüpfig, aber man hat es mir nicht erlaubt.

Das haben Sie dann später nachgeholt.

Tschirner: Naja, ich bin zwar respektvoll, aber ich hab’ ein Problem mit Autoritäten, die per se Respekt einfordern, weil sie zum Beispiel einfach nur alt sind. Das habe ich nie verstanden. Ich hab dagegen zwar nie rebelliert, aber es hat mich irritiert.

Herbst: Also lebst du diese in deiner Kindheit nie ausgelebte Ausbruchsseite jetzt in deinem Beruf aus, weil du da ja ganz viel ausbrechen kannst?

Tschirner: Ich glaube, ich bin schon ausgebrochen, aber anders: Ich habe mich mehr darum herum organisiert. Ich wollte nie mit dem Kopf durch die Wand, sondern hab’ immer geschaut, wo eine andere Tür ist.

Herbst: Vielleicht ist dein Schauspieltalent da entstanden, weil du immer eine andere Haltung eingenommen hast, vielleicht in eine andere Haut hineingeschlüpft bist.

Wie war das in Ihrer Kindheit, Herr Herbst?

Herbst: Ich war Mamas Liebling und bin es bis heute.

Sie sind nie ausgebrochen?

Herbst: Ich hab’ in den 80er-Jahren eine Banklehre gemacht, angepasster geht’s ja nun wirklich nicht.

Tschirner: (lacht) Ich möchte ab jetzt nur noch Interviews mit Christoph machen.

Für welches Abenteuer würden Sie Ihren Alltag heute verlassen?

Tschirner: Wir Schauspieler haben ja gar keinen Alltag.

Herbst: Doch, klar, Alltag und Routine gibt es auch in unserem Beruf. Mein Alltag organisiert sich zwischen Burn-out und Bore-out, und das fühlt sich gut an. Immer wenn ich denke, ich kriege jetzt einen Herzinfarkt vor Stress, sackt plötzlich alles von mir ab. Oder wenn man gerade mit einer Produktion fertig ist, denkt man: „Jetzt könnte eigentlich wieder etwas kommen.“ Und bevor man einschläft, passiert wieder etwas.

Tschirner: Das ist aber kein klassischer Alltag, wir haben Stoßzeiten. Diese Routine, wo man jeden Mittwoch nach der Arbeit sein Hobby betreiben kann, gibt es bei uns nicht.

Herbst: Das stimmt, wir stehen nicht mit den anderen Menschen im Stau morgens und abends in der Rushhour. Das habe ich aber erlebt, nämlich zu Bank-Zeiten, und das brauche ich nicht mehr.

Dann ist der Ausbruch bei Ihnen ja doch passiert.

Herbst: Stimmt, der Ausbruch ist passiert. Sogar noch einmal, in meiner Midlife-Crisis.

Wie sind Sie da ausgebrochen?

Herbst: Ich habe einen Gleitschirmschein gemacht. Weil ich dachte, das kann doch nicht alles gewesen sein, es muss doch noch mehr geben.

Und?

Herbst: Das Paragleiten ist ein Knaller. Das ist mit nichts zu vergleichen. Ich will jetzt niemanden langweilen mit Stereotypen, aber wenn du auf 2000 Metern allein bist mit dir und deinem Schirm und dem lieben Gott, da reist du durch eine Dimension, die dir bisher vorenthalten wurde. Das ist nicht zu vergleichen damit, in einem Flugzeug zu sitzen und von Köln nach Berlin zu fliegen. Während des Paragleitens relativiert sich plötzlich in deinem Leben ganz viel. Aus der Helikopter-Perspektive nimmt man sich nicht mehr so wichtig. Gerade in unserem oft sehr flatterhaften Beruf, wo uns andere eine Wichtigkeit geben, ist das zentral: Mir hat das Fliegen eine Erdung gegeben.

Tschirner: Mein Gott, Christoph, ist das ein schöner Satz. (lacht)

Herbst: Ich hau’ ja auch heute wieder ein Ding nach dem anderen raus.

Tschirner: Und damit gewinnst du die Überschrift des Interviews.

Wie gelingt Ihnen die Erdung, Frau Tschirner?

Tschirner: Ich habe gemerkt, dass ich rote Teppiche und alle öffentlichen Szenarien am wenigsten erdend finde. Deswegen dosiere ich das sehr sparsam.

Herbst: Du bist doch auch ein unglaublicher Familienmensch. Gelingt dir die Erdung nicht auch über deine Familie, Nora?

Tschirner: Ja, klar, über ganz stinknormale, herrliche Beziehungen zu meinen Freunden, meiner Familie, zum einfachen Leben. Und so ein Filmset an sich ist ja auch nicht besonders glamourös, da kommt es auf Teamarbeit an, da kannst du keine Divenhaftigkeit aufrechterhalten – schon gar nicht in Zusammenarbeit mit Christian Ulmen.

Herbst: Mit dem spielst du ja im „Tatort“. Wie kann ich mich denn da eigentlich mal in eine Folge hineinschlafen?

Tschirner: (verstellt die Stimme) Dafür bist du leider nicht bekannt und gut genug, Christoph. Da kann ich dich leider nicht mit unterbringen. Wenn überhaupt, dann als Komparse.