Eine Autoverfolgungsjagd quer durch Moskau. Man sieht die typisch hohen Plattenbauten und von fern markante Zwiebeltürmchen. Aber abrupt bleibt das Auto auf einer Brücke stehen. Und der Zuschauer, sofern er sich in Berlin auskennt, stockt überrascht: Ist das nicht der Spreekanal? Und die Häuser dahinter, ist das nicht die Fischerinsel?

In der Reihe „Hauptrolle Berlin“, die die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat veranstaltet, werden eigentlich nur genuine Berlin-Filme gezeigt, in der die Stadt keine beliebige Kulisse ist, sondern in der wirklich etwas über die Stadt erzählt wird: ein Zeitbild, ein Generationenporträt oder ein Lebensgefühl. Die Hollywoodproduktion „Die Bourne-Verschwörung“ von 2004 scheint da zunächst nicht so recht hineinzupassen. Und tut es doch, sogar in doppelter Hinsicht.

Eine Visitenkarte dafür, was die Filmstadt leisten kann

Die Entscheidung der Filmemacher, die Fortsetzung des Erfolgshits „Die Bourne Identität“ in Berlin spielen zu lassen, war natürlich eine Vorbeugung vor der „Stadt der Agenten“. Als geteilte Stadt war Berlin eine Drehscheibe der internationalen Spionage, was sich auch in Filmen wie „Die Spur führt nach Berlin“ oder „Der Spion, der aus der Kälte kam“ niederschlug. Dann aber war „Die Bourne Verschwörung“ auch eine der ersten Produktionen, die bei Studio Babelsberg entstanden, nachdem Christoph Fisser und Carl Woebcken es übernommen hatten.

„Die Bourne Verschwörung“ wurde dabei zu einer Art Leistungsschau, was alles möglich war. Nicht nur im Studio, sondern auch mit der Hauptstadt als Kulisse für Außendrehs. Der Thriller, der wie sein Vorgänger weltweit Kasse machte, wurde damit zu einer Visitenkarte für die internationale Branche und zog viele Produktionen nach sich. Ein Aushängeschild für die Filmstadt Berlin.

Julia Stiles vor einer - echten - Demosntration am Alexanderplatz
Julia Stiles vor einer - echten - Demosntration am Alexanderplatz © UPI | UPI

Dabei verliert „Die Bourne Verschwörung“ ein wesentliches Berlin-Moment gleich zu Beginn. In Teil Eins hat ein Mann seine Erinnerung verloren und fand nach und nach heraus, dass er ein Profikiller der CIA gewesen war – und mit einem Mal waren alle hinter ihm her.

Dieser Jason Bourne, von Matt Damon gespielt, lernte dabei eine junge Frau kennen, Franka Potente, die auch die US-Amerikaner vor allem durch „Run, Lola, run“ kannten, also „Lola rennt“, dem tollsten, rasantesten Berlin-Film der 90-er. Aus ihrer Perspektive hat man „Die Bourne Identität“, die man ruhig auch „Run, Jason, run“ hätte nennen können, weitgehend gezeigt: mit der Sympathie auf Seiten des Agenten, aber auch dem Erschrecken über all die Gewalt, die da plötzlich passiert.

Während der Dreharbeiten posierte Matt Damon vor dem Brandenburger Tor
Während der Dreharbeiten posierte Matt Damon vor dem Brandenburger Tor © picture-alliance / dpa | Bernd Settnik

In „Die Bourne Verschwörung“ aber wird Franka Potente schon in der ersten Viertelstunde im fernen Goa, wo die beiden untergetaucht sind, eliminiert. Damit ist alles zu Ende. Damit fängt alles erst an. Jason Bourne will nicht länger vor den Häschern fliehen, er will sich seiner Vergangenheit stellen. Und reist nach Berlin, wo seine DNA hinterlegt wurde, um ihm einen Mord in die Schuhe zu schieben. Wieder sind ihm alle auf den Fersen. Doch diesmal ist er immer einen Schritt voraus.

Schon im ersten Teil wurde Bourne als klarer Anti-Bond angelegt. Ein Agent, der nicht zwischendurch in Luxus-Hotels Martinis genießt, sondern ständig in Atem gehalten wird. Und bei dem die Action auch physisch erlebbar wird, was die hektische Montage noch verstärkt. Spielte Teil Eins noch in der gemächlichen Schweiz und in friedlicher Provinz, führt Teil Zwei direkt in die pulsierende deutsche Hauptstadt, die durch die Wiedervereinigung radikal im Wandel war, der man die Brüche aber noch überall ansah. Und wo der Berlin-Star Potente fehlte, rückte die Stadt selbst zur zweiten Hauptdarstellerin auf.

Die CIA operiert am Alexanderplatz und logiert im Westin Grand Hotel. Bourne taucht am Alex in einer echten Demonstration unter und wird durch die halbe Stadt gejagt. Auch wenn er dabei beim Bahnhof Zoo um die Ecke biegt und schon am S-Bahnhof Friedrichstraße landet. Aber solch geographische Kuriositäten gibt es auch bei „Lola rennt“, gibt es bei jedem New-York-Film. Das sind halt so Zugeständnisse an Drehgenehmigungen.

Matt Damon und Franka Potente bei der Berlin-Premiere des Films
Matt Damon und Franka Potente bei der Berlin-Premiere des Films © picture-alliance / SCHROEWIG/CS | SCHROEWIG/CS

Berlin war aber so reich an Locations, dass es auch für andere Städte herhielt: die Stadt als Allzweckkulisse. Der Walter-Benjamin-Platz wird für eine Szene zu Amsterdam, das Palais am Funkturm zu Neapel. Und auch wenn Teile wirklich in Moskau entstanden, wurden manche Einstellungen eben am Spittelmarkt geschossen, am ICC und sogar im Tiergartentunnel, der erst zwei Jahre später eröffnet werden sollte. Dafür wurden über Wochen ganze Straßenzüge gesperrt, ohne dass die Berliner gewusst hätten, wofür sie so lange im Stau standen.

Selbst wenn man den Film längst kennt, lohnt ein Wiedersehen. Es ist unglaublich, wie sehr sich die Stadt nach 13 Jahren schon wieder verändert hat. So kommt Damon/Bourne noch am Palast der Republik vorbei, auch am noch nicht renovierten Zoo Palast. Und am Breidscheidtplatz steht noch das Schimmelpfeng-Haus. In dieser Hinsicht ist „Die Bourne Verschwörung“ also auch schon ein Zeit-Bild.

Zoo Palast, Dienstag 4. April, 20 Uhr in Anwesenheit von Christoph Fisser
vom Vorstand des Studios Babelsberg.