Natascha Wodin

Preis der Leipziger Buchmesse für Berliner Autorin

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Maria Bidian
Sichtlich gerührt nimmt die Autorin Natascha Wodin bei der Buchmesse in Leipzig ihren Preis entgegen

Sichtlich gerührt nimmt die Autorin Natascha Wodin bei der Buchmesse in Leipzig ihren Preis entgegen

Foto: Jan Woitas / dpa

Die Berliner Schriftstellerin Natascha Wodin hat den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewonnen.

Es wird für einen kurzen Moment ganz still, als die sächsische Staatsministerin Eva-Maria Stange die Bühne betritt. Alles in der Glashalle der Leipziger Messe scheint für Sekunden still zu stehen. Dann schallt ein Name aus den Lautsprechern, „Natascha Wodin“ und das Publikum klatscht, springt auf, einige schreien begeistert, reißen ihr Handy aus der Tasche. Die Berliner Schriftstellerin hat den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewonnen.

Sichtlich gerührt steht Natascha Wodin mit einem großen Blumenstrauß am Rednerpult. Die rundliche Frau mit den feurig roten Haaren scheint den Tränen nahe. „Ich hoffe, dass möglichst viele Menschen von dem Schicksal der Zwangsarbeiter erfahren“, sagt sie. Dann blickt sie hinauf zur gläsernen Kuppeldecke der Halle, durch die der wolkenverhangene Himmel zu sehen ist. „Meine Mutter hat hier in Leipzig als Zwangsarbeiterin für den Flick Konzern gearbeitet, sie würde sich wundern, wenn sie uns jetzt hier sehen könnte“.

Individuelles und kollektives Leid sichtbar gemacht

Ihr Buch „Sie kam aus Mariupol“ ist mehr literarische Biografie denn Roman. Wodin begibt sich darin auf die Suche nach ihrer Mutter, die von zwei Diktaturen zermalmt wurde, die in der Ukraine erst die Hungersnot unter Stalin und dann Hitlers Krieg überlebte, und sich dann 1956, mit 36 Jahren, das Leben nahm. Da war die Tochter gerade zehn. Als Natascha Wodin mit der Suche nach ihrer Mutter begann, hatte sie nicht viel mehr als Geburtsort und -datum. Mariupol, 1920. Im Internet findet sie Daten und bald auch einen russischen Hobby-Genealogen, der ihr hilft, Akten aufzuspüren. So beginnt sich plötzlich ein ganzer Zweig von Verwandtschaftsgeschichten zu entfalten, von dem die Autorin zuvor nichts wusste. Sie findet eine Cousine in Kiew. Und bei einem weiteren Cousin entdeckt sie zufällig die Memoiren Lidias, der Schwester der Mutter. Sie bilden den zweiten Teil des Buchs.

Mit einer nüchternen, distanzierten Sprache und kühler Genauigkeit könne Natascha Wodin die Leser tief bewegen, sagt Literaturredakteur Gregor Dotzauer in seiner Laudatio. Die 1945 in Fürth geborene und in einem deutschen Nachkriegslager für „Displaced Persons“ aufgewachsene Autorin habe Erinnerungsarbeit geleistet, kollektive und individuelles Leiden sichtbar gemacht und mit der Grenze zwischen Fiktion und Nicht-Fiktion gespielt.

Ebenfalls in der Kategorie Belletristik nominiert waren Lukas Bärfuss („Hagard“), Brigitte Kronauer („Der Scheik von Aachen“), Steffen Popp („118“) und Anne Weber („Kirio“). Bärfuss schrieb über einen soliden, durchschnittlichen Mann, der zum Stalker wird. Kronauer von der Macht der Erzählungen, über Trauer hinweg zu helfen. Popp stellte in seinen Gedichten sein eigenes Begriffsperiodensystem der Elemente auf. Und Weber schrieb einen Schelmenroman über einen modernen Heiligen, der einfach nicht anders kann, als Gutes zu tun.

„Die Reise in den Westen“ ist bestes Sachbuch

Neben dem Preis in der Kategorie Belletristik sind am ersten Tag der Leipziger Buchmesse auch der Preis für das beste Sachbuch und der Preis für die beste Übersetzung in der Glashalle der Messe überreicht worden. Eva Lüdi Kong erhält für ihre Übersetzung aus dem Chinesischen von „Die Reise in den Westen“ den Preis der Leipziger Buchmesse. Einen Klassiker, der durch ihre Übersetzung zum ersten Mal einem deutschen Publikum zugänglich gemacht wird. Sie habe durch ihre Arbeit geholfen, „den Kosmos der chinesischen Kultur“ den Deutschen näher zu bringen und dabei das Werk in ein modernes, lebendiges Deutsch übersetzt, sagt Literaturkritiker Burkhard Müller bei der Verleihung.

Die Auszeichnung für das beste Sachbuch geht ebenfalls an eine Frau, Barbara Stollberg-Rillinger. Ihr Werk „Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit“ sei die „bahnbrechende Biografie einer der bedeutendsten Gestalten der europäischen Geschichte“, begründet Redakteur Alexander Cammann das Urteil der Jury. Stollberg-Rillinger habe es geschafft, durch eine Person eine ganze Epoche zu erschließen und Elemente aufgezeigt, die in ihrer Thematik an heutige Problematiken erinnern.

Die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart, Unterdrückung und Freiheit sind Themen, die dieses Jahr im Vordergrund der Leipziger Buchmesse stehen. Schon im Vorfeld zeigten sich Verlage solidarisch mit dem inhaftierten Journalisten Deniz Yücel. Immer wieder war von Demokratie und Freiheit die Rede, auch bei der Eröffnungsveranstaltung am Mittwochabend. Bei der Preisvergabe bestätigt sich ein weiteres Mal diese Tendenz und Schwerpunktsetzung. Mit Natascha Wodin ist die Autorin ausgezeichnet worden, die mehr als alle anderen erfahren hat, was die Abwesenheit von Demokratie bedeutet, was Krieg ist und was es heißt, unerwünscht zu sein.