Via Lewandowskys Pferd ist nicht blau, sondern weiß. Der Schimmel steht – magisch angeleuchtet wie Preziosen – im leeren Ausstellungsraum. Vier Pfeile durchlöchern seinen ausgestopften Körper, eine Anspielung auf den Heiligen Sebastian. Seltsam entrückt und doch realistisch.

So weit die Idee, die sich bei Lewandowsky um die Abwesenheit von Franz Marcs „Turm der blauen Pferde“ dreht. Das 1913 entstandene, zwei Meter große Gemälde, 1919 von der Berliner Nationalgalerie angekauft, gilt als verschollen. Zahlreiche Legenden und jede Menge Gerüchte ranken sich um diese einzigartige Ikone des deutschen Expressionismus – Stoff genug für einen Kunstkrimi. Bis 1936 hing es im Kronprinzenpalais, bis es 1937 von Hitlers Nazischergen beschlagnahmt und in der Ausstellung „Entartete Kunst“ präsentiert wurde. Auf Druck eines Protestbriefes deutscher Offiziere – Leutnant Marc war 1916 bei Verdun gefallen – wurde es abgenommen. Ursprünglich sollte das Gemälde ins Ausland verkauft werden, doch ein Kaufvertrag existiert nicht.

Die überaus ambitionierte Schau im Haus am Waldsee „Vermisst“ stellt das Werk in den Mittelpunkt, steht dabei inhaltlich auf zwei Beinen: Zum einen beschäftigen sich zwölf zeitgenössische Künstler mit jenem mysteriösen Verschwinden, eben der Leerstelle, die das Bild verursacht, und dem merkwürdigen Schweigen darüber in der Nachkriegszeit. Andererseits begibt sich die Ausstellung konkret auf historische Spurensuche. Und diese hat direkt mit dem Haus am Waldsee zu tun. In der einstigen Privatvilla und dem früheren Sitz der Reichsfilmkammer konnte das Gemälde in den ersten Nachkriegstagen 1945 von Edwin Redslob, Kunsthistoriker und Reichskunstwart, eindeutig identifiziert werden.

Das Gemälde gehörte in den Bestand der Nationalgalerie

Hermann Göring ging dort ein und aus, das Bild gehörte zu dem Zeitpunkt in seine Sammlung. Vielleicht war es auf diesem Wege als „Leihgabe“ ins Haus gelangt. Im Winter 1948/1949 will es ein ehemaliger Pfadfinder im Haus der Jugend, gleich nebenan, gesehen haben. Wurde es dort beim Lagerfeuer am See verfeuert oder ging es als Beutekunst etwa nach Russland? Hier verlieren sich endgültig die Spuren. Zuerst hat Marcs Witwe, später haben Museumsleute und Fachleute immer wieder nach dem Werk geforscht. 2001 hieß es, die Pferde befänden sich in einem Banksafe in der Schweiz. Die Hoffnung auf Wiederkehr gibt es immer noch.

Im ersten Stock hören wir ein Wiehern und Hufescharren. Rémy Markowitsch bringt in einer gewaltigen Videoinstallation die vier „Blauen Pferdchen“ aus dem Gemälde zum Sprechen. Marcs Briefe und Tagebücher geben die Vorlage. Da „tratschen“ die Vierbeiner über den Berliner „Herbstsalon“, wo „sie“ erstmals zu sehen waren. Sehr zum Ärger der Kritiker, die sie als „Farbdreck“ und „tollwütige Kreaturen“ beschimpften.

Katja Blomberg, Leiterin des Hauses, hat eine beachtliche Künstlerliste zusammengestellt mit Werken, die eigens für „Vermisst“ entstanden sind. Martin Assig ist ebenso dabei wie Birgit Brenner und Marcel van Eeden. Norbert Bisky hat gleich am Anfang der Schau ein Mahnmal entworfen. Er malte den verlorenen „Turm der Pferde“ einfach neu, exakt in Maß, Farben und Rahmen, doch davon ist nur Asche zurückgeblieben, die Leinwand hängt verbrannt in Fetzen von der Wand und der Rahmen zerbrochen am Boden. Der Künstler hat die Kopie zerstört, Symbol für die Wut, mit der die Nazis avantgardistische Kunst vernichteten.

Christian Jankowski hingegen besetzt die Leerstelle auf originelle Weise neu – indem er so tut, als gäbe es den „Turm“ und das Werk wäre bei den Staatlichen Museen für das Haus am Waldsee ausleihbar. Das gesamte rituelle institutionelle Prozedere filmt er – von der Begutachtung durch die Restauratoren bis hin zum Transport in der echten Klimakiste. Das Leihgesuch und die Versicherungspolice sind in der Vitrine zu sehen. Die Versicherungssumme: 65.000.000 Euro. Alles ist echt, sogar die Unterschrift des Generaldirektors Michael Eissenhauer. Der Leihvorgang hat länger gedauert als für ein existierendes Werk. Die Museumsjuristen schüttelten zuerst nur die Köpfe, Besitzansprüche für ein Werk, das es nicht gibt, das fanden sie schlicht „unmöglich“. Und nun hängt kein Bild an der weißen Wand, einzig die zwei Aufhänger sind sichtbar. Ob man es glaubt oder nicht: Von diese Leerstelle geht eine seltsame Wirkung aus, der Besucher imaginiert die blauen Pferde.

„Vielleicht“, sagt Katja Blomberg, „hängt das Bild hier noch irgendwo in Zehlendorf. Wir werden in einem Jahr das Haus sanieren ...“ Der Mythos lebt also weiter.

Haus am Waldsee.
Argentinische Allee 30, Zehlendorf. Geöffnet: Di.–So. 11–18 Uhr, bis 5. Juni