Kultur

Mehr Besucher als die Erste Bundesliga

Klassische Musik wird wieder beliebter – auch bei jüngeren Menschen

Neue Konzertsäle, mehr Veranstaltungen und ein höheres Interesse der unter 30-Jährigen – der Klassikbetrieb zieht aus den Zahlen der vergangenen Saison ein positives Ergebnis. „Ich bin überzeugt, dass wir gerade den Beginn einer Trendwende im Klassikbereich erleben“, so Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV), der am Dienstag die aktuellen Entwicklungen im Klassikbetrieb in Mitte präsentierte.

Neben den positiven Zahlen trage auch das hohe Interesse an Häusern wie der Elbphilharmonie, sowie Projekte wie die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden oder die Eröffnung des Pierre Boulez Saals zu der guten Stimmung im Klassikbetrieb bei, sagte Uli Müller, Pressesprecherin der DOV. Auch die Nominierung der Deutschen Theater- und Orchesterlandschaft für die internationale Unesco-Liste des Immateriellen Kulturerbes sei ein großer Imageschub für die Klassikwelt. Die Zahl der Konzertveranstaltungen stieg in der Spielzeit 2015/2016 auf einen Rekord von 13.801. Ein Anstieg von zehn Prozent. Dies ergibt sich aus der DOV-Konzertstatistik. Konzerte und klassische Livemusik im Theater oder auf einem Musikfestival habe somit 40 Prozent mehr Besucher als die Erste Bundesliga im Fußballstadion, so Mertens. 18,2 Millionen Besucher hätten die Konzerte und 13,2 Millionen die Spiele der Ersten Bundesliga besucht. Sinfonie- und Chorkonzerte machen wie bereits in den vergangenen Jahren den größten Teil der Veranstaltungen aus. Mit 5791 (2015/2016) zu 5827 (2013/2014) lässt sich hier jedoch ein leichter Rückgang feststellen. Dieser habe sich durch Fusionen und Saalschließungen wie in Dresden, Duisburg oder Passau ergeben, so Mertens. Einen enormen Zuwachs verzeichnen musikpädagogische Veranstaltungen. „Mit rund 5100 musikpädagogischen Veranstaltungen haben die Orchester ihr Engagement um mehr als 20 Prozent gesteigert. Damit tun sie enorm viel für das junge Publikum von heute“, so Mertens. Besonders beliebt seien Workshops mit Musikern. Dem gegenüber stehe der immer noch sehr hohe Mangel an ausgebildeten Musiklehrern. Weiterhin finde 80 Prozent des Schulunterrichts im Fach Musik fachfremd statt oder falle aus, sagt Mertens.

Auch die Besucherzahlen von Klassikkonzerten stiegen nach dem im Februar erschienenen „Spartenbericht Musik“ des Statistischen Bundesamts an. Bei Konzerten öffentlich finanzierter Orchester wurden in der Spielzeit 2013/2014 5,2 Millionen Besuche registriert. Im Vergleich zur vorangegangenen Spielzeit sei hier ein Anstieg zu verzeichnen, heißt es. Die meisten Konzertbesuche je 1000 Einwohner kann Sachsen vorweisen (209). Auch in Berlin (196) und in Bremen (191) gab es in der Spielzeit 2013/2014 überdurchschnittlich viele Besuche je 1000 Einwohner. 5,4 Millionen Besucher gingen 2013/2014 deutschlandweit zu Festivals mit klassischer Musik, vier Millionen besuchten die Oper, 1,6 Millionen Veranstaltungen im Tanzbereich, 400.000 die Operette und 1,6 Millionen das Musical. Besonders auffällig ist, dass es vermehrt auch jüngere Menschen zu Klassikkonzerten zieht. Wie die Zahlen der Concerti Klassikstudie 2016 zeigen, gingen 20- bis 29-Jährige in den letzten zwölf Monaten am häufigsten ins Konzert (mindestens fünf Mal: 78,7 Prozent). Unter den 50- bis 59-Jährigen waren es 60,7 Prozent. Geringverdiener gehen deutlich seltener ins Konzert als Gutverdiener. Immerhin ging etwa jeder zweite Geringverdienende (55,3 Prozent) im Laufe der letzten zwölf Monate mindestens fünf Mal in eine Live-Veranstaltung.

Ein großes Problem bleibt die Lohndifferenz der Orchester. Musiker der neuen Bundesländer würden noch immer deutlich weniger Lohn erhalten, sagte Mertens. Davon sei auch Berlin betroffen.