Kultur

Ein bisschen Fasching, ein bisschen Dschihad

Elfriede Jelineks „WUT“ walzt in den Kammerspielen wie eine Textlawine über die Zuschauer hinweg

Um Wut soll es gehen und zwar um die, die einen töten lässt und rasen und schäumen. Die einen ganz langsam verbrennt von innen heraus. Was da über einen kommt und warum man sich, Herrgott noch eins, nicht zusammen- reißen kann, das versucht Elfriede Jelinek in ihrem essayhaften Stück „WUT“ zu klären. Denn dass die durch demonstrierende Wutbürger und um sich schießende Terroristen irgendwie wieder salonfähig geworden ist, das hat Jelinek dazu gebracht, über diese Emotion nachzudenken. Herausgekommen ist eine Wortlawine, die am Sonntagabend in den Kammerspielen des Deutschen Theaters über die Zuschauer hinweggewalzt ist. Jelineks Text, mit dem die österreichische Autorin nun zum 18. Mal zu den Mülheimer Theatertagen geladen wurde, verlangt von allen viel ab – von den Zuschauern Nerven wie Stahldraht, von den fünf Schauspielern eine unendliche Konzentration auf den prosaartigen Gedankenstrom. Die hält nicht immer. Häufig müssen Textheft oder die Souffleuse aushelfen.

Die Bühne von Volker Hintermeier ist so leer wie das Vakuum, das nach einem Wutanfall entsteht. Andreas Döhler, Sebastian Grünewald, Linn Reusse, Anja Schneider und Sabine Waibel haben also nicht viel, woran sie sich und ihre Monologe klammern können. Trotzdem reden und reden und reden sie, manchmal so schnell und so laut wie durch ein Megafon auf einem vorbeirasenden Lkw. „Die Juden sollen weg!“, schreit einer, „was uns gehört, behalten wir“, und ein anderer: „Ich bin kein Nazi, aber ...“. Das alles kommt einem fürchterlich bekannt vor, aus den Geschichtsbüchern, der Dresdner Höcke-Rede oder aus den Kommentarspalten von Facebook. Die Wut, das wird schnell klar, war nie weg, die war immer da, nur manchmal eben leise. Regisseur Martin Laberenz richtet Scheinwerfer darauf. Zuerst schickt er seine Schauspieler auf eine mondäne Cocktailparty der 1920er-Jahre, mit Smoking und Abendkleid, dann in die 1970er-Jahre, mit Schlaghosen und Atze-Schröder-Perücken, und später in den Heiligen Krieg des IS, mit angeklebtem Bart. Ein bisschen Fasching, ein bisschen Zirkus, ein bisschen Dschihad. Wer da nicht hellwach ist, der wird ganz jelinekisch überfordert. Vor allem An­dreas Döhler gelingt es, seine Figur zwischen Sympathie und Ekel mäandern zu lassen: Wie er so über die Bühne tänzelt und dabei kräftig hasst, vor allem Gott, um dieser Wut dann nagelkauend die Fratze abzureißen, das ist famos.

Trotzdem bleibt man so ratlos zurück. Laberenz bleibt an der Oberfläche. Beide Stücke wirken wie Sodbrennen. Statt Säure steigen im Theater die Fragen in der Speiseröhre hinauf, die einem sowieso nach jeder Tagesschau im Hals verenden. Aber eine Antwort, eine Linderung bleibt aus.

Kammerspiele des Deutschen Theaters, Schumannstr. 13a. Kartentelefon: 28 441-221. Termine: 4., 8. und 19. März, 20 Uhr.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.