Kultur

Der letzte Tanz

19 Jahre war Michael Banzhaf Solist des Staatsballetts. Am Mittwoch gibt er seine Abschiedsvorstellung

Fast zwei Jahrzehnte stand Michael Banzhaf vor dem Spiegel, betrachtete seinen schlanken Körper, streckte sich, dehnte sich, schaute zu seinen Mittänzern, seiner Tanzfamilie, seinen Konkurrenten. 19 Jahre lang war er Siegfried, Tschaikowski oder Caravaggio. Ab Mittwoch ist es vorbei mit Jubel, Applaus und Scheinwerferlicht. Dann verabschiedet sich der Solotänzer des Staatsballetts als Johann Sebastian Bach in „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um aufzuhören“, sagt der 39-Jährige. Sein Körper werde älter, in den letzten Jahren sei vieles nicht mehr so gelungen wie gewohnt, immer öfter sei eine Enttäuschung zurückgeblieben.

Aber wer ist Banzhaf – ohne das Ballett, ohne den Spiegel, ohne die Bühne? Die Karriere des Solotänzers begann eher zufällig. In Meersburg am Bodensee aufgewachsen, war er ein begeisterter Leichtathlet. Mit 13 Jahren entwickelte sich sein Körper nicht schnell genug, frustriert hörte er mit dem Leistungssport auf. Zum gleichen Zeitpunkt wurde an seiner Schule ein Junge für eine Tanzrolle im Musical „Cats“ gesucht. Er wurde gefragt und sagte zu.

„Beim Musical habe ich meine Liebe für die Bühne entdeckt“, sagt er heute. Um sich zu verbessern, begann er Ballettstunden zu nehmen. Zwei Jahre später gab er die Schule auf und zog nach München. Obwohl er in München die Ballettakademie beendete und in Berlin am Staatsballett angenommen wurde, habe er sich immer als Quereinsteiger gefühlt, sagt Banzhaf. Um mithalten zu können, sei er sich selbst gegenüber besonders hart gewesen. Sein Leben war der Tanz und sonst wenig.

Richtig in Schwung kam seine Karriere, als er von Maurice Béjart in „Der Ring um den Ring“ als Siegfried besetzt wurde. „Ich war 25 und bin damals mit der Rolle anfangs an meine Grenzen gestoßen“, sagt Banzhaf. Als der Choreograf ihm sagte, er solle einfach er selbst sein und den Siegfried mit einem kindlichen Optimismus spielen, habe sich vieles für ihn verändert.

„Als ich gemerkt habe, dass ich genüge, hat sich meine Karriere verändert.“ Heute seien die jungen Balletttänzer selbstbewusster, kämpferischer, reifer. Das bewundere er. Aber die Arbeit sei auch anstrengender geworden. „Heute ist es Teil der Karriere, sich öffentlich zu präsentieren“. Social-Media-Nutzung sei eben mittlerweile Pflicht, besonders bei Künstlern.

Künstler – das waren in den vergangenen 19 Jahren Persönlichkeiten, die Michael Banzhaf immer wieder faszinierten und anzogen. Er selbst bezeichnet sich immer wieder als „bodenständigen Typ“, der „viel Glück“ in seinem Leben hatte. Auf der Bühne spielt er gerne Exzentriker, abgehobene Charaktere mit wilden Kostümen. So wie die böse Fee in „Dornröschen“, die sich mit blauer Perücke und Korsage über die Bühne zaubert. Er habe die Zeit mit Choreograf und Intendant Vladimir Malakhov geliebt, sagt Banzhaf, und die intime, intensive Arbeit mit den Ballerinen wie Shōko Nakamura, Nadja Saidakowa und Beatrice Knop. Eine besondere Beziehung hat Michael Banzhaf auch zu Tschaikowski, den er im gleichnamigen Ballett tanzte.

Der lebenslange Kampf des Komponisten mit seiner Homosexualität habe ihn besonders interessiert. „Als homosexueller Mann habe ich eine große Verantwortung gespürt, eine solche Partie richtig darzustellen“, sagt Banzhaf. Im Ballett sei es nicht wichtig, ob ein Tänzer schwul sei oder nicht. Romeo könnte genauso von einem Homo- wie von einem Heterosexuellen getanzt werden. Denn „die Liebe zu einer Frau oder die Liebe zu einem Mann ist natürlich dieselbe Liebe, auch wenn das viele nicht sehen wollen“, sagt Banzhaf. Bei den Schauspielern sei die Situation eine andere. „Große, schwule Rollen werden fast immer nur von heterosexuellen Schauspielern gespielt“, sagt der Tänzer. Viele Schauspieler hätten Angst, sich öffentlich als homosexuell zu bekennen.

Nach der Ballettkarriere am Theater bleiben

Für seinen Abschlussauftritt hat sich Banzhaf die Rolle des Johann Sebastian Bach in „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“ ausgesucht. Tänzerisch eine gesetzte Alterspartie. Er habe ein großes Kostüm, schöne Pas de deux, aber keine sehr anstrengenden, langen Tanzeinheiten mehr. „Am Ende liegt Bach ganz schlicht und tot da. Eine Goldberg-Variation wird gespielt und die Tänzer umtanzen ihn wie kleine Noten“, sagt Banzhaf.

Am Ende tot? Ganz vorbei ist es für Banzhaf nach seinem Abschlussauftritt noch nicht. Denn nach dem offiziellen Abschied darf er noch für weitere Aufführungen als böse Fee in „Dornröschen“ auf der Bühne tanzen. Damit wolle er sich ganz ohne Druck freitanzen. Als Epilog sozusagen. Danach soll ein neues Kapitel starten. „Ich freue mich auf das Reisen. Ich bin seit fast 20 Jahren nicht mehr im Winter in den Bergen gewesen“, sagt er.

Ganz von der Theaterwelt verabschieden will er sich nicht. „Ich möchte gerne an einem Theater bleiben. Das ist mein Leben, das war immer mein Traum“, sagt er. „Für mich ist es wichtig, von der Tanzwelt eine Auszeit zu nehmen und zu verarbeiten, dass ich nicht mehr den Teil in ihr bestreite, der mein Traum war“.

Er wolle nicht vor der Bühne stehen, den Tänzern zuschauen und wissen, dass er nicht mehr einer von ihnen sei. „Ich will nicht frustriert und verhärmt werden.“ Er wolle sich nicht damit abfinden, dass die Jahre am Ballett die beste Zeit seines Lebens gewesen sei. „Ich möchte“, so Michael Banzhaf, „wieder etwas finden, das mich so brennen lässt, nur was es ist, weiß ich noch nicht.“

„Vielfältigkeit. Formen von Stille
und Leere“: Komische Oper, 1. März.
„Dornröschen“: Deutsche Oper,
18. Juni bis 5. Juli

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