Kultur

Surreale Welten, Seelenlandschaften und müde Soldaten

Im Haus für Poesie stellen sich die besten Debütlyriker 2016 vor

Yevgeniy Breygers Hände zittern, als er sich das Mikro näher heranschiebt. Der gebürtige Ukrainer ist einer von vier Autoren, die der Literaturkritiker Tobias Lehmkuhl bei der Veranstaltung "Die besten Lyrikdebüts 2016" am Donnerstagabend im "Haus für Poesie" in der Kulturbrauerei vorstellt. Der Saal ist fast voll, die Stimmung entspannt, fast familiär. Breyger beginnt aus seinem Debütband "flüchtige monde" zu lesen. Dabei sind Sätze wie "Im Fernsehzimmer liegt ein deutscher Teppich, darunter Sandfamilien, bereit zum Export" oder "Was passiert, wenn Steine schmelzen wollen?". Spielerisch setzt der 28-Jährige eine abstrakte, surreale Welt aus ungleichen Dingen zusammen, die mehr verbirgt, als sie zu sein scheint.

Alexandru Bulucz hängt lässig auf seinem Stuhl, den roten Schal über den Beinen ausgebreitet. In den Texten seines Buchs "Aus sein auf uns" finden sich immer wieder Bruchstücke aus dem Leben in Rumänien und Osteuropa. Mal sind es die "transsilvanischen Äpfel", dann die "orthodoxen Popen", die Inflation oder die prügelnde Mutter. Wo Breygers Texte sich surreal und abstrakt geben, sind Buluczs Gedichte philosophische Reflexionen über Erinnerung und Vergessen. "Der Text ist ein müder, ein gestresster, ein magenkranker Soldat", heißt es bei ihm. Vieles könne er trotz aller Versuche einfach nicht ausdrücken, sagt der 30-Jährige.

Lyrik zum Vorlesen und zum Loopen in Endlosschleifen

Anja Kampmann unterscheidet sich mit ihren klaren, leichten Texten deutlich von der Lyrik ihrer Vorgänger. Die 34-Jährige schreibt in ihrem Buch "Proben von Stein und Licht" über sinnliche Landschaften außerhalb der Stadt. So begibt sie sich in ein Dorf zu Zeiten römischer Kaiser oder in das einsame Haus eines DDR-Schriftstellers. Die gebürtige Hamburgerin verbindet unterschiedliche Zeitebenen, lässt uns heute das Damals erleben und unter der blauen Meeresoberfläche die Müllinseln sehen.

Wie unterschiedlich Lyrik sein kann, präsentiert zum Abschluss Kinga Tóth, mit einer trimedialen Performance aus Text, Bild und Sound. Mit dem Mikrofon, einem Wasserglas und einer Plastikfolie erzeugt sie Geräusche, die sie mit einem Loop-Gerät in eine Endlosschleife versetzt. Zu den Klängen liest die 34-Jährige aus ihrem Band "Wir bauen eine Stadt". Der Inhalt scheint hier zweitrangig. Es sind Maschinenbeschreibungen, die in einem Sprachengemisch geschrieben sind und im Tonwirbel untergehen.

Alle Autoren lassen in ihren Texten traditionelle Gedichtformen hinter sich. Statt sich Reimen zu unterwerfen, schaffen sie sich einen eigenen Rhythmus. Sie beschreiben kein Idyll, sondern eine vielschichtige, mal abstrakte, mal zerrissene Seelenlandschaft. Es sind keine sprachlichen Fantastereien, die zum Träumen einladen, sondern Stücke, mit denen sich der Leser auseinandersetzen muss.

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