Eine ältere Frau und ein Mann in spießiger Kleidung sitzen auf einem Sofa, dann springen sie wild darauf herum, schließlich ist die Frau in die Arme des Mannes gehüpft und am Ende hopst sie alleine auf dem Sofa umher. „Ödipale Komplikationen (Flugversuch)“ nannten Anna und Bernhard Blume ihre Fotoarbeit von 1977–1978. Diesmal agiert Bernhard Blume nicht mit seiner Frau Anna, sondern mit seiner Mutter.

Abgesehen von der Absurdität der dargestellten Situation unterstreichen die leichten Überblendungen noch den surrealen Unterton der fünfteiligen Serie. Klaustrophobisch erscheint hier die Situation der Kleinfamilie, ein ständiges Zerren und Drängen, Drüber und Drunter bei dem Versuch, sich aus den erdrückenden Umklammerungen zu befreien. Wer sich hier von wem frei macht, bleibt offen. Die kleinformatige Serie ist Teil einer kleinen feinen Ausstellung in der Galerie Kicken. Diese zeigt Arbeiten von Künstlern, die in den 1970er- und 1980er-Jahren unter Einsatz ihres Körpers Fotografie betrieben haben. Neben den Blumes gehören Klaus Rinke, Jürgen Klauke, Dieter Appelt, Floris M. Neusüss und Rudolf Bonvie dazu. Aktionen und Performances – öffentlich gezeigt oder nur vor der Kamera inszeniert – sind bei allen die Grundlage ihrer Arbeiten.

In ihrer Unterschiedlichkeit loten sie das ganze Spektrum zwischen Fotografie und Körperkunst aus: Mal ist die Fotografie nichts weiter als ein Mittel zur Dokumentation flüchtiger Aufführungssituationen in der Öffentlichkeit, mal werden die Aktionen eigens für die Kamera gestellt, mal wiederum sind sie Ausgangspunkt für fotografische Experimente in der Dunkelkammer.

Bei den Blumes ist Letzteres der Fall. Ihre absurden Vorstellungen fanden niemals öffentlich statt und waren oft Grundlage für vielfältige Manipulationen des Fotomaterials durch Überblendungen und Montagen. Ähnlich geht auch Jürgen Klauke in der Arbeit „Begegnung“ von 1975 vor. Er nimmt sich in unterschiedlichen Stellungen auf, verdoppelt und spiegelt sein Abbild und zeigt sich, neu montiert, in allerlei Begegnungen mit sich selbst: sich die Hand schüttelnd, den Arm um die Schulter legend, den Mund zum Kuss gespitzt, in Umarmung, in Andeutung eines Geschlechtsverkehrs und in einer Prügelei mit gleich vier seiner Art. Überblendungen verstärken die Verfremdung. Spielerisch werden alle Formen menschlicher Begegnungen durchdekliniert.

Ganz minimalistisch tut dies auch Rudolf Bonvies „Dialog I“ von 1973. Zwei Hände, eine weibliche und eine männliche, treffen sich auf einem weißen Bettlaken, das gleichsam zur Bühne ihrer Annäherung wird. In „Maskulin – feminin. Ich, Du, Wir, Du, Ich“ von Klaus Rinke (1972) nutzen Rinke und seine Lebenspartnerin einen Raum für „skulpturale Handlungen“, wie Rinke es nennt. Sie formieren sich zu Figuren: Erst stehen sie weit auseinander, dann bilden sie ein Viereck, am Schluss sind sie ein verschlungenes Knäuel auf dem Boden. Im Hintergrund ist eine Uhr zu sehen, ein Hinweis auf das Vergehen der Zeit. Das Spiel der Körper wird hier zum Ausloten von Raum und Zeit.

Von Rinke sind mehrere spannende Arbeiten präsentiert, die zeigen wie intensiv er sich mit den analytischen Möglichkeiten der Fotografie auseinandergesetzt hat. Eine Fotografie scheint zu dokumentieren, wie er die Schwerkraft überwindet – eine Montage zweifellos, die augenzwinkernd gleich zwei Gesetze außer Kraft setzt: die Gravitation und die Annahme, dass die Fotografie die Wirklichkeit nur abbildet.

Kicken Berlin, Linienstr. 161 A. Di.–Fr. 14–18 Uhr und nach Vereinbarung. Bis 13. April.