Kultur

Keine Heilung ohne Schäden

"Ana, mon Amour" Der letzte Wettbewerbsbeitrag stammt von einem bestens bekannten Regisseur. Vor vier Jahren holte Călin Peter Netzer mit "Mutter und Sohn" den Goldenen Bären. Sein neuestes Werk ist eine Liebesgeschichte unter geschundenen Seelen. Ana (Diana Cavallioti) und Toma (Mircea Postelnicu) begegnen sich an der Uni und bald ist klar, dass das keine unbeschwerte Romanze wird. Toma entstammt dem mittleren Bürgertum, Ana aus schwierigsten Familienverhältnissen, der erste Besuch bei ihren Eltern gerät zum Desaster. Zudem hat Ana mit heftigen Panikattacken zu kämpfen und ist längst medikamentenabhängig, was sie für Tomas Eltern als Verrückte brandmarkt.

Doch man verliebt sich nicht in das Starke und Schöne, sondern in Risse und Abgründe, und Ana ist eine, die es zu retten gilt, eine Frau, die Toma braucht. In dem Versuch, ihre Krankheit mit ärztlicher Hilfe zu heilen, schotten sich die beiden nach außen immer stärker ab. Aus Liebe wird Abhängigkeit. Netzer schildert das alles mit Ehrlichkeit und einem realistischem Blick, vom Sex über den Selbstmordversuch bis hin zur Hilflosigkeit, und so entfaltet der Film zunehmend seine stille Wucht. Als Ana schwanger wird, begibt sie sich in Psychoanalyse. Sechs Jahre werden die Sitzungen dauern, dass am Ende Toma selbst auf der Couch liegt, ist nicht ohne Witz. Je stärker sie wird, desto mehr taumelt er. Aus Fürsorge wird Kontrolle und umso stärker Anas Wunsch nach Unabhängigkeit. Netzer erzählt den Film auf drei Zeitebenen, Tomas zunehmender Haarverlust sorgt dankenswert für klare Orientierung. Letztlich geht es um die Frage, wie sich familiäre Psycho- Kons­truktionen vererben, wie sehr wir in Wiederholungen feststecken, ob es
je ein Entkommen geben kann. "Ana, mon Amour" stochert in seelischen Wunden und tut das noch, wenn der Abspann längst vorbei ist. Aufgewühlt verlässt man das Kino.

Termine: Friedrichstadt-Palast, heute, 12
und 18.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele,, heute, 15 Uhr und morgen, 15.30 Uhr.

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