Der Konzertsaal des Heimathafen Neukölln ist schon gut gefüllt, unter der Kassettendecks strahlt eine Diskokugel. Kein Intro, keine Vorband - ganz plötzlich steht da dieser unscheinbare Mann auf der Bühne, das Hemd bis zum Kragen zugeknöpft, auf der Nase eine Hornbrille.
Der Name des Mannes, Nick Waterhouse, kursierte im Zuge des Vinyl-Revival schon eine Weile durch die Internetforen. Nun ist der kalifornische Sänger und Gitarrist auf Tour, um sein drittes Album „Never Twice“ vorzustellen.
Sofort geht es los mit dem ersten Song, und sobald Nick Waterhouse die ersten Töne des swingenden „Got Some Money (But I Spent It)“ gesungen hat, wird klar, warum seine erste Single auf Ebay für über 300 Dollar gehandelt wird: Schließt man die Augen, befindet man sich im San Francisco der 50er Jahre.
Dorthin verschlug es den 30-jährigen zum Studium, nebenher jobbte er in einem Plattenladen und als Vinyl-DJ. Dort verkaufte er auch sein erstes Album, das er in Eigenregie produzierte. Man kann ihn quasi vor sich sehen, wie er durch verstaubte Jazz-, Soul- und R’n’B-Platten wühlt.
Waterhouse stellt erst einmal seine Band vor, dann geht es weiter mit „I Can Only Give You Everything“. Schmachtend, mit rauer Stimme, singt Waterhouse von einer unglücklichen Liebe. Emotional ist seine Musik in den 50er und 60er Jahren verhaftet, dazu kommt eine ordentliche Prise Rock’n’Roll und kalifornische Lässigkeit, stellenweise blitzt sogar ein wenig Punk durch.
Mit Keyboarder, Bassistin, Drummer, einer Backgroundsängerin, einem Saxofonisten und dann auch noch Waterhouse ist die Bühne gut gefüllt. Die Songs sind selten länger als drei Minuten und halten dadurch die Spannung.
Der nächste Song fügt sich in eine kleine Tradition ein: auf jedem Album trägt ein Song einen Frauennamen als Titel, nach „Raina“ und Holly“ folgt auf dem dritten Album „Tracy“. Der Anfang zitiert die markante Akkordfolge aus Ray Charles’ „Hit The Road Jack“, doch statt einen untreuen Lover vor die Tür zu setzen, fleht Waterhouse: „all I have is you“. Er singt sich die Seele aus dem Leib, sein Gesang schlingt sich um die Instrumente, umschmeichelt sie, um ihnen dann wieder vorauszupreschen.
Trotz der eindeutigen Einflüsse aus dem letzten Jahrhundert hat Waterhouse’ Musik so gar nichts Angestaubtes, es lassen sich Parallelen zu Paolo Nutini oder Amy Winehouse finden; am ehesten erinnert Waterhouse jedoch an Mark Ronson, mit dem er auch die Vorliebe für klassische Hemden teilt.
„Katchi“ kommt so kokett daher, da muss man gar nicht wissen, dass „katchi“ ein indianischer Ausdruck für eine Massage ist. „She give me katchi, all night long“ - Waterhouses Stimme ist aufgeregt rau, immer ein wenig kratzig.
Das Publikum ist bunt gemischt, vom Rockabilly über das Neukölln Hipstertum bis hin zum dandyhaften Jazzliebhaber ist alles vertreten. Und es wird ordentlich getanzt.
Waterhouse ist nicht nur Sänger, sondern auch Gitarrist, und so nimmt er sich zwischendurch gern die Zeit für längere Soli. Immer wieder folgen instrumentale Zwischenspiele von Saxophon oder Keyboard, wie es sich für eine Jazzband gehört, wird gern auch mal improvisiert.
Waterhouse’ Stimme wechselt fließend von einem samtigen Schwelgen zu einem zornigen Röhren, besonders in den langsameren Stücken wie dem verführerischen „Raina“ zeigt sich diese Bandbreite. Zum Ende steigert sich der Song zu einem dramatischen Finale, das Saxophon schraubt sich in ungeahnte Höhen.
Als Zugabe spielt die Band das aufgekratzte „Old Place“ vom neuen Album, das gerade als Single veröffentlicht wurde. Es sei Nick Waterhouse zu wünschen, dass er damit auch endlich einem größeren Publikum bekannt wird. Mit dieser Stimme kann er auf jeden Fall auch weitaus größere Häuser füllen.


