Berliner Galerie

André Schlechtriem ist der Künstlermacher

Wo andere sich verkleinern, vergrößert André Schlechtriem seine Galerie. Er setzt vor allem auf eine neue digitale Käuferschaft.

Galerist André Schlechtriem vor der Wind-Installation  „Numen - Meatus“

Galerist André Schlechtriem vor der Wind-Installation „Numen - Meatus“

Foto: Amin Akhtar

Gerade trötet uns der Wind ziemlich heftig in die Ohren. Wir stehen nicht auf der Straße, sondern in der Galerie Ditt­rich & Schlechtriem, gleich hinter der Volksbühne gelegen. Plötzlich rauscht es, die Trompete hört auf. Der Wind kommt – in verschiedenen Tonstufen – aus fünf Orgelpfeifen aus Zink, die versetzt an der Decke schweben. Groß sind sie mit einer Länge, die von 4,20 bis 4,80 Meter variiert. Eine aufwendige, wissenschaftlich recherchierte Installation des Künstlerkollektives Numen, dahinter stehen vier junge Berliner Künstler. Ihren opulenten Wind-Fänger haben sie für den Einstand in den neuen Räumen der Galerie in der Linienstraße 23 entworfen. Ins Wohnzimmer passt er nicht, nur ins Museum.

Der Kunstgeschichtsstudent begann in New York

Am reinweißen Galerietisch gleich hinter der stylishen Küchenzeile sitzt Galerist André Schlechtriem. Als Strippenzieher vertritt er 13 Künstler, vor allem junge, die international noch nicht bekannt sind. Sie zu fördern, Kontakte aufbauen, so sieht er seinen Job. Während sich Galerien wie Contemporary Fine Arts (CFA) verkleinern, andere gar schließen mussten, vergrößert sich der 38-Jährige zusammen mit seinem Partner. Das minimalistische Gebäude gleich hinter dem Theatertanker an der Rosa-Luxemburg-Straße ist bekannt, hier residierte bis vor Kurzem die Galerie Zink, die nach Bayern ausgewandert ist. So gab Schlechtriem die Räume in der belebten Tucholskystraße auf, jetzt gibt es mehr Platz, doch „weniger spontane Hineingucker“, dafür „zielgerichtete Besucher“. Der 38-Jährige ist optimistischer als andere Berliner Galeristen, wenn es um die Zukunft des Kunstmarktstandortes Berlin geht.

Er setzt auf eine neue wachsende, digitale Käuferschaft, die ihr „Vermögen im Laptop hat“, wie er es nennt. Jene etwa, die ihr Geld mit der Entwicklung von Apps oder Start-ups gemacht haben. „Leute, die bislang eine Sneaker-Sammlung hatten und jetzt etwas von einem jungen Künstler kaufen und sich freuen, dass sie dessen Entwicklung mitbegleiten können“, erzählt er. Diese Sammler sind in etwa so alt wie „meine Künstler, also Ende 20 bis 40 Jahre“. Dabei teilt Schlechtriem seine Tätigkeit in zwei Bereiche: Da ist der Kunsthandel für Käufer, die Kunst als Investment sehen. Die haben beispielsweise einen Gerhard Richter an der Wand, wenn sie das Werk ansehen, denken sie an Auktions­ergebnisse. Am besten läuft es für ihn, wenn er diesen Sammlern dann gleich einen jungen Künstler mitverkaufen kann. „Ich habe bislang jeden überzeugen können, dass es gefällt“, da hat Schlechtriem seinen Stolz. Auf der anderen Seite steht die Galeriearbeit mit der konsequenten Künstlerpflege und allem, was dazugehört: Telefonate, Atelierbesuche, Ausstellungsplanungen, Messen. Einer der jungen Künstler heißt Julian Charrière, gerade 30 Jahre, ehemals Student bei Olafur Eliasson. Erst ist einer der Numen-Künstler, fährt für seine wissenschaftlich basierten Arbeiten auf Expeditionen in ferne Länder, taucht schon mal am Bikini-Atoll nach Kriegsschiffen, wie Schlechtriem erzählt.

„Du musst raus, mit der Kunst arbeiten“

Wenn man Schlechtriem so zuhört, weiß man schnell, der Mann im blauen Pulli hat ein Talent, welches nicht alle Galeristen haben. Er erzählt offen, mit fast kindlicher Euphorie, man kann sich gut vorstellen, wie er Sammler für seine Künstler zu begeistern weiß – und Vertrauen schafft. Diese Fähigkeit erkannte seine Kunstgeschichtsprofessorin in Köln sehr früh. „Du musst raus, mit der Kunst arbeiten“, sagte sie – und so kommt er 2002 an ein Praktikum in der Galerie Tanja Grunert in New York. Irgendwann erklärt der Galerie-Neuling auf der Art Basel in Miami einem Besucher einige Arbeiten: Der Kunde: Harvey S. Shipley Miller, Chef der Judith Rothschild Foundation, der als Board-Mitglied Kunst für das Museum of Modern Art (MoMA) einkaufen möchte. Die muntere Art des Deutschen gefällt ihm. Er nimmt ihn mit zum begehrten „Black Tie Dinner“ ins Metropolitan Museum, Schlechtriem geht mit Mr. Miller zu verrückten Openings auf der Lower East Side. „Wenn man in elitären Zirkeln verkehrt, verliert man die Verbindung zur jungen Kunst. Die habe ich ihm zurückgebracht“, so deutet Schlechtriem die Erfolgsgeschichte mit Mr. Miller. Drei Monate später wird aus dem Kölner Praktikanten ein fest angestellter Kurator. Bald eröffnet er seine eigene Galerie. Mit der Lehman-Brothers-Pleite 2008 endet für ihn New York – eine Bruchlandung.

Berlin wird der Ort für seinen Neustart. Seine erste Schau 2011 mit Julian Charrières „Panorama“ kauft Kunstmäzenin Gabriele Henkel – komplett. „Keine Eröffnung mehr ohne Kostenplanung“, sagt er und lacht. Kein Talent funktioniert ohne Geld.

Der Wind rauscht wieder lauter. Es ist die Luft, die in den Pfeifen zum Klingen kommt. Markus Hoffmann, einer der Numen-Künstler, erklärt uns, wie digital vernetzte Wetterstationen auf der ganzen Welt live „angezapft“ werden. Vom Nordpol bis zum Südpol, die einzelnen Zentren werden wie Rillen auf einer Schallplatte „abgefahren“. Paris, Wanne-Eickel und Sydney – alles dabei, im 20-Sekunden-Takt ändern sich die Stationen, damit der Wind. Diese Daten kommen in Berlin an, werden von einer Software übersetzt und per Windlade in die Pfeifen gejagt. Eine Art globale Weltvermessung. „Der Wind ist international“, meint Julian Charrière. „Er kennt keine Grenzen, deshalb weiß der Besucher nicht, aus welchem Land ihm die Orgeltöne um die Ohren sausen.“

Dittrich & Schlechtriem, Linienstr. 23. Di–Sa 11–18 Uhr. Bis 11. März

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