Stilbewusst, der Mann. Max Raabe grüßt mit angedeutetem Handkuss. Der Frack sitzt, alles glänzt, tadellos wie immer. Nur die Pomade fehlt, die Haare sitzen auch so, ein Altersphänomen, wenn man das so sagen darf. Schon steht der schwarze Sänger im Lichtkreis am Mikro­fon und schafft es tatsächlich im Nu, die Probenhalle mit ihrem spröden Industriecharme in ein musikalisches Liebesnest zu verwandeln. Hier in den Pankower Black Box Hallen hat einst Rammstein geprobt mit ganz anderen Liedern. „Bei dir“, singt Raabe nun und beugt sich ganz tief ins Licht hinunter, „war es so schön-n-n-n“. Alles schummrig drumherum, in rote LED-Farbe getaucht.

600 Titel gehören mittlerweile zum Repertoire der Musiker

Er und seine elfköpfige Boygroup plus der Geigerin machen diese Woche Tempo mit den Proben zum neuen Programm „Das hat mir noch gefehlt“. Immerhin drei Wochen werden sie mit den Songs ab 28. Februar im Admiralspalast gastieren. Danach ziehen er und sein Palast Orchester weiter durch die Repu­blik. Im April geht’s an die Westküste Amerikas, L.A. und San Francisco. Die schwungvolle Mischung ist bekannt, Eigenes, Schlager und Lieder der 20er- und 30er-Jahre, die sie für die Gegenwart flottmachen, nostalgisches Schellack-Knistern inklusive. In den USA werden sie eine andere Mischung präsentieren als in Berlin. Die Idee war hier eine andere. Zum ersten Mal in der Geschichte des Orchesters erhielt das Pu­blikum beim „Fan Voting“ im Netz die Möglichkeit, das Programm mitzubestimmen. Also Lieblingslieder auswählen, die Fans mögen so etwas. Das heißt auch, es wird jetzt kein neues Album geben. Doch die Planung dafür läuft. Bis nächstes Jahr wird es wohl werden.

Ein bisschen hat es ihn verwundert, dass das sehnsuchtsvolle „La Mer“ von Charles Trenet Platz eins belegt hat – mit Abstand. Raabe hat es nie in Deutschland gespielt. Keine Frage, französischer Sommer in Berlin tut immer gut. Ansonsten dürfen wir uns auf den Probenstühlen einfach zurücklehnen und schauen und hören, wenn Max Raabe „Küssen kann man nicht alleine“ anstimmt. Alles Liebeslieder. „Ach“, sagt er, „eigentlich geht es im Leben immer um Herzschmerz und Herzenssehnsucht“. Loslassen und Kuscheln, dafür seien damals die Lieder auch geschrieben worden. „Das war der Effekt“, sagt Raabe. „Sich für die Dauer eines Liedes einfach aus der Realität reißen lassen.“ Da sei sein Repertoire nicht anders als das von Lady Gaga. „Ich bin kein politischer Kabarettist oder Liedermacher“, sagt er, so als müsse er sich entschuldigen, dass er in diesen schwierigen Zeiten beste, beschwingte Unterhaltung bietet. Kaum zu glauben, 30 Jahre ist Max Raabe nun schon unterwegs. Bewusst musikalisch aus der Zeit gefallen ist er irgendwie zeitlos geblieben – und sich treu in Stil und Auftritt. 1987 veröffentlicht der heute 54-Jährige das erste Album mit dem Titel „Die Männer sind schon die Liebe wert“, und wenn man richtig zählt, hat er mittlerweile 21 Alben produziert. 600 Titel gehören ins Repertoire, und die Suche nach neuen Titeln hört nie auf. In Kellern, Archiven, überall hat er über die Jahre nach Quellen gestöbert. „Das Internet hat die Recherche erleichtert“, meint er, „Plattensammler geben dort Empfehlungen.“

Er gastiert weltweit, in den USA, Japan und China

Eigentlich ist er ein Mann der Oper, er darf sich „Staatlich geprüfter Bariton“ nennen. Doch es kommt schon vor seinem Abschluss anders. 1986 tut er sich mit einigen Kommilitonen der Berliner Hochschule der Künste (HdK) zusammen, einfach aus Lust und Laune wollen sie die Goldenen Zwanziger wiederbeleben. Ein glamouröser Kontrast zum rauen Mauer-Berlin. Damals stehen sie – quasi als Vorgruppe für den Berliner Theaterball – im Foyer der HdK, nicht etwa im Festsaal. Die Besucher bleiben stehen und schauen den schlaksigen Mann an mit seiner Fliege um den Hals und der Pomade im Haar. Das ist nicht etwa eine Verkleidung, Raabe meint es ernst damit. Bis heute trägt er diesen Vorkriegs-Schick. Nach Jeans muss man ihn nicht fragen, die letzten trug er mit 12 Jahren. Sollte der Frack mal im Schrank bleiben, darf es schon mal eine Cordhose sein. Wenn er durch Berlin radelt oder reist, muss es bequem sein. Und er reist oft, als Weltstar gastiert er in vielen Ländern, Japan, China, Frankreich, bespielt berühmte Säle wie die Chicago Symphony Hall und die New Yorker Carnegie Hall.

Natürlich ist es so, man muss ein Faible haben für sein Liedgut von, nun ja, historischer Eleganz, dann darf man unbedingt sagen: Es gibt nirgendwo einen leidenschaftlicheren Vertreter dieser Songs als ihn. Mit ihm haben wir als Zuhörer eine Lizenz zur gepflegten Langsamkeit in Zeiten absoluter Beschleunigung. Mit jeder Schellack-Rille dürfen wir uns hinwegträumen – in plüschige Revuetheater und lange Cabaret-Nächte.