Konzert in Berlin

Bei den Dropkick Murphys spritzen die Bierfontänen

Zwischen Fußballschlachtgesang und Braveheart-Pathos: Die Folk-Punker verwandeln die Max-Schmeling-Halle in einen Irish Pub.

Sänger Al Barr auf der Bühne

Sänger Al Barr auf der Bühne

Foto: dpa Picture-Alliance / Jens Niering / picture alliance / Jens Niering

Anfang des Monats veröffentlichten die Dropkick Murphys ihr neuntes Album „11 Short Stories of Pain & Glory“, das sich inhaltlich mit der jüngsten Drogenepidemie in ihrer Heimat New England auseinandersetzt. Er sei in den letzten drei Jahren auf mindestens 50 Beerdigungen gewesen, erzählt Sänger Al Barr. Mit ihrer Stiftung, dem Claddagh Fund, unterstützen die Folk-Punker aus Boston Rehabilitationsmaßnahmen für Drogen-und Alkoholsüchtige. Ironisch, lädt ihre Musik - ein von Dudelsack und Akkordeon befeuerter Mix aus Punk und Irish Folk - doch wie keine andere zum Saufen ein.

Zu ihrem Konzert in der Max-Schmeling-Halle haben die Dropkick Murphys gleich zwei Vorbands mitgebracht. Das Publikum nutzt die Spielzeit von Skinny Lister und Slapshot, um angemessen vorzuglühen. Als die sieben Murphys um kurz vor zehn endlich in die Saiten hauen, braucht es keine zwei Takte, um die prall gefüllte Halle in einen Irish-Pub kurz vor der Sperrstunde zu verwandeln.

Vorm Getränkestand herrscht ein Kommen und gehen wie im Bienenkorb, Männer balancieren 1,5-Liter-Pitcher wie beim Oktoberfest die Maßkrüge. Aus dem pulsierenden Pulk vor der Bühne spritzen Bierfontänen, Becher fliegen über die Köpfe hinweg, der Boden ist schon nach einem Song glitschig.

Punk-Spirit der Anfangstage

Während ihre Alben über die Jahre immer glatter wurden, lassen die irischstämmigen Amerikaner im Konzert den Punk-Spirit der Anfangstage wieder aufleben. Atemlos prügeln sie durch das erste Viertel, für Ansagen bleibt kaum Zeit. „You're the fighter you've got the fire/The spirit of a warrior, the champion's heart“ schmettern sie stattdessen mehrstimmig ihren „Warrior’s Code“, womit die stimmungsmäßigen Pole zwischen Fußballschlachtgesang und Braveheart-Pathos auch schon abgesteckt wären.

Das Publikum ist überwiegend männlich und trägt wie die Band oft Schiebermütze. Viele sind tätowiert und erstaunlich durchtrainiert. Man muss ja auch wirklich fit sein, um das Tempo mitzuhalten, mit dem die Dropkick Murphys die Zuschauer bis in die hintersten Reihen mobilisiert.

Es ist Musik, bei der man sich gleichzeitig verprügeln und umarmen möchte, und einige Besucher tun genau das. Beim Song „Blood“ hat sich der Pogo-Pulk bis auf die Außenlinien verlagert. Bier schwappt über, Emotionen sowieso. Sänger Barr, der schlaksigste der Gruppe, reckt die Fäuste in die Luft als würde er imaginäre Gewichte stemmen. Sogar der Dudelsack fängt an zu qualmen - oder ist das nur der Bühnennebel?

Traditionelle irische Volksliedern

Zwischendurch würzt die Band ihr Set mit traditionellen irischen Volksliedern, „I had A Hat“ oder „The Wild Rover“. Besonders Letzteres wird von der Menge lauthals mitgegrölt. Nur vereinzelt singen einige, weniger textsichere Gäste die eingedeutschte Version von Klaus & Klaus mit. „An der Nordseeküste...“ Egal. Hauptsache Stimmung.

Wie die Faust aufs Auge setzen die Dropkick Murphys den Reigen mit „Paying My Way“ fort, das auf dem Schlagzeug-Pattern von Queens „We are The Champions“ basiert. Tom-Tom-Snare, Tom-Tom-Snare. Man gönnt Drummer Matt Kelly die Verschnaufpause. Wie hält er das achtarmige Ausdauer-Donnern überhaupt durch?

Obwohl viele ihrer Songs eh schon wie Ableger davon klingen, covert die Band vor der Zugabe noch den Fußball-Gassenhauer "You'll Never Walk Alone“. Die Halle ist jetzt ein einziges Grölen und das Pogen einem Schunkeln gewichen. Einige Männer haben sich die biergetränkten T-Shirts ausgezogen und wedeln sie wie Saunahandtücher über der Menge.

Nach dem Bandklassiker „I’m Shipping Up To Boston“ und vier weiteren Zugaben, bei denen in alter Konzerttradition das weibliche Publikum aus der ersten Reihe auf die Bühne geholt wird, geht nach knapp anderthalb Stunden das Saallicht an. Die Dropkick Murphys geben noch Autogramme während aus den Lautsprechern Frank Sinatras „I Did It my Way“ erklingt. Auch das lässt sich noch prima mitgrölen. Morgen werden einige ohne Stimme zur Arbeit gehen müssen.