Kultur

Ein Stück Gleichberechtigung

Jubiläumsschau: Vor 150 Jahren ermöglichte der Verein der Berliner Künstlerinnen Frauen eine professionelle Ausbildung in Malerei und Zeichnung

In kreativer Anspannung sitzen sechs Frauen in langen Kleidern frei im Saal verteilt vor ihren Staffeleien. Prüfend blicken sie auf die Leinwand. Konzen­triert und dynamisch wirken ihre Bewegungen. Diese Szene hat Augusta von Zitzewitz mit skizzenhaft spontanem Gestus in ihrer Gouache von 1909/10 festgehalten.

Es ist die Atmosphäre in der Zeichen- und Malschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen, die sie selbst so erlebt hat, als sie dort von 1907 bis 1911 ausgebildet wurde und erstmals mit dem Impressionismus in Berührung kam. 1911 eröffnete sie bereits ihr eigenes Atelier und von 1912 bis 1914 ging sie auf Anraten von Käthe Kollwitz – ebenfalls ehemalige Schülerin der Schule und schließlich eine ihrer prominentesten Lehrerinnen – nach Paris zum Studium an die berühmten Académie Julian.

Von Malerinnen gegründet, von Männer unterstützt

Eine Reproduktion dieser Gouache und ein bemerkenswerter Farbholzschnitt der Künstlerin von 1937 sind in der Ausstellung „Fortsetzung folgt! 150 Jahre Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 e.V.“ mit rund 50 Werken von Vereinsmitgliedern, Kunstfreundinnen und Gästen des Vereins von der Gründung bis 1945 zu sehen. Mit dieser und drei weiteren Schauen an unterschiedlichen Orten feiert der 1867 ins Leben gerufene VdBK sein Jubiläum und seine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte besonders in jener Zeit, als Frauen eine künstlerische Ausbildung an den Staatlichen Akademien noch verweigert wurde. Die kühne Idee zur Gründung des Vereins hatte eine beherzte Gruppe von Malerinnen gefasst, die selbst gut vernetzt war und außerdem von ihrer Kunst leben konnte. Die Künstlerinnen wollten Frauen eine professionelle Ausbildung gewährleisten und außerdem finanziell schwächere Mitglieder mit einer Darlehens- und Pensionskasse absichern. Für ihr Vorhaben gewannen sie einflussreiche Männer als Unterstützer, darunter Wilhelm Adolf von Lette, der bereits 1866 den heutigen Lette-Verein ins Leben gerufen hatte, und Werner von Siemens.

Zu den Gründungsmitgliedern gehörten 29 Künstlerinnen und 62 Kunstfreundinnen, die dem Verein über ihr betriebsames Netzwerk bald zu einem üppigen Vermögen verhalfen. Durch Mitgliedsbeiträge, Kostüm- und Weihnachtsfeste, Verkäufe bei Ausstellungen, private Gelder und Spenden sowie zwischen 1874 und 1920 auch finanzieller Unterstützung sowohl vom Kulturministerium als auch von der Stadt Berlin akkumulierte sich bald soviel Kapital, dass der Verein, gemeinsam mit dem Victoria-Lyzeum, eine der ersten Schulen für höhere Frauenbildung, den Auftrag zum Bau eines Gebäudes in der Potsdamer Straße erteilte. Dort, heute Sitz der Camaro-Stiftung, findet nun auch die erste der Jubiläumsausstellungen mit Werken von Käthe Kollwitz, Hannah Höch, Lotte Laserstein, Jeanne Mammen, Paula-Modersohn-Becker und anderen statt.

Als 1838 die neuen Räume eröffnet wurden, hatte der Verein bereits 565 Mitglieder und einen nicht abreißenden Strom an Bewerberinnen für die Zeichen- und Malschule. 1903 zählt er 870 Mitglieder. Junge Künstlerinnen konnten sich hier professionalisieren, erhielten Reisestipendien oder andere finanzielle Unterstützung, sie fanden prominente Käufer und profitierten von den vielfältigen Kontakten des Vereins.

Erst als mit der Weimarer Republik 1919 auch Frauen für die Königliche Akademie der Künste zu Berlin zugelassen werden, verliert die künstlerische Ausbildung im Verein an Bedeutung. Von den Erfolgen seiner glanzvollen Vergangenheit kann er mit heute rund 30 Mitgliedern nur träumen. Mit seinen Ausstellungen, dem intensiven Netzwerk und dem Marianne-Werefkin-Preis fördert er wie damals das Kunstschaffen von Frauen.

Alexander und Renata Camaro-Stiftung, Potsdamer Str. 98a. Di.–Sbd., 13–17 Uhr, Mi ., 13–20 Uhr. Bis 24. März.

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